Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Wir wissen, dass viele Künstler in prekären Verhältnissen leben, die umso mehr auf Aufträge oder Engagements angewiesen sind, die im Umfeld öffentlicher Kulturbetriebe entstehen. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Künstlersozialversicherung als besondere Form staatlicher Kulturförderung?
Autorenteam: Die Künstlersozialversicherung ist entstanden im Zusammenhang eines vor etwa 30 Jahren veröffentlichten Reports von Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand, der die soziale Lage der Künstler in Deutschland verdeutlichte. Daraufhin wurde beschlossen, dass man nach dem Muster der alten Sozialversicherung eine Ersatzversicherung nur für Künstler einrichtet. Inzwischen ist die KSK ein wesentliches Instrument für viele Leute, die in den Szenen arbeiten, um ihre Krankenversicherung abzusichern. Für die Rentenversicherung reicht es dann angesichts der niedrigen Beiträge schon nicht mehr. Das ist die Lage. Die Fehler sind erstens, dass sie neu entstehende Kulturberufe nicht einschließt, ja sogar abwehrt, zweitens in ihrer ordnungspolitischen Logik Selbstständige und Freiberufler quasi zu Angestellten macht. Die soziale Absicherung gerade von Selbstständigen mit niedrigem Einkommen ist nicht Sache der Künstlersozialkasse, sondern muss vielmehr eine allgemeine sozialpolitische Aufgabe sein. Als das im Wirtschaftsministerium vor hohen Funktionären angesprochen wurde, das eine solcher Untersuchung über die Lage der Künstler wie damals nun 30 Jahre später erneut durchgeführt werden müsste, wurde gesagt, das würde nicht finanziert, denn die sozialpolitischen Debatten aus den Ergebnissen einer solchen Studie wollen wir so nicht führen. Daraus eine Aufgabe abzuleiten, dass jeder Künstler eine staatliche Unterstützung haben müsste, ist abenteuerlich.
Ob der Künstler entweder über die Kultursubventionen oder die Arbeitslosenversicherung finanziert wird, macht keinen Unterschied. Das hat mit Kunstproduktion nichts mehr zu tun. Das Buch versucht zumindestens in Ansätzen eine Alternative aufzuzeigen. Es stellt beispielsweise die Frage, warum wir alle nur amerikanischen Filme anschauen oder in Japan hergestellte Games spielen. Wieso gibt es hier keine Industrie, die fähig ist, konkurrenzfähige Kulturprodukte auf den Markt zu bringen? Da würde auch Arbeitsplätze entstehen und nicht Kulturschaffende auf Lebenszeit von Subventionierungen abhängig sein. Dafür braucht es Förderungen, die entsprechende Existenzgründungen anschieben, die sich später auf diesen globalen Märkten behaupten können. Das ist das Thema der Kulturindustrie, wo Europa noch nicht ausreichend vertreten ist. Man redet zwar davon, die EU schreibt sich das auf die Fahnen. Doch in Deutschland und der Schweiz wird man bei solchen Forderungen gefragt, ob man auch noch die Popmusik-Veranstalter fördern wolle. Es werden an den Kunsthochschulen so viele intelligente Menschen ausgebildet, die mit interessanten Ideen herauskommen. Sie bekommen dann etwas Projektgelder hier, etwas Projektgelder dort, und stellen später fest, dass Taxifahren doch einträglicher ist als Kunst. Warum gibt es keine Projektgelder, die solche Ideen auffangen und es gemeinsam zu marktfähigen künstlerischen, kulturellen Produkten weiter zu entwickeln?
KMN: Ist das nicht ein Widerpruch, wenn sie gleichzeitig kritisieren, dass jedermann nach dem Staat ruft? Nun ist ohne ihn auch in der Kultur- und Kreativwirtschaft nichts möglich.
Autorenteam: Für uns ist das jetzt der Ort, wo sich der Staat jetzt engagieren müsste, eben nicht auf Lebenszeit und Institutionen baut, die wir dann jahrzehntelang unterhalten müssen, sondern vielmehr Gründermodelle finanzieren. Diejenigen, die dafür sorgen, dass mein Wohnzimmer zur Oper wird, dass auf meinem Kopfkissen Kunst stattfindet, sind doch die interessanten Leute. Die Produkte schaffen, die meinen Kulturkonsum nähren.
Es gibt ein Phänomen in der kulturwirtschaftlichen Finanzierung, das durch die klassische Finanzierung nicht abgedeckt ist. Das ist das künstlerische Projekt, das eine andere Risikostruktur besitzt als eine Schraubenfabrik oder Einzelhandelsgeschäfte. Sie müssen Kredite auf symbolische Werte bekommen. Das ist in den skandinavischen Ländern vorbildhaft gelöst.
Die Wirtschaft ist da nicht immer eine Hilfe. Eine Sponsoringabteilung in einer Schweizer Bank förderte beispielsweise junges Design. Als die Designer aber mit dem Wunsch auf die Banker zukamen, eine eigene Firma gründen zu wollen, stießen sie auf Ablehnung. Wenn selbst der Wirtschaft dieses Risiko zu groß ist, muss wenigstens der Staat sagen: das ist unser Geschäft, hier zu helfen. Es gab beispielsweise Coaching für junge Theatertruppen, die ein Jahr begleitet und weitergebildet wurden. Ihnen wurde das nötige unternehmerische Rüstzeug vermittelt wie Marketing, Kommunikation, Kundenbindung. Das einzige, was sie mit ihnen nicht machen, ist die Stückauswahl. Das finden wir zukunftsträchtige Kulturförderung.
Es gibt dafür Ansätze wie z.B. in der Kulturwirtschaftsinitiative der Bundesregierung oder in der Kulturwirtschaftsförderung einzelner Bundesländer. Doch das, was in einem Gutachten für die Enquete-Kommission schon gefordert wurde, nämlich einen staatlich garantierten, revolvierenden Fonds, wurde überhaupt nicht angegangen.
Rezension des Buchs: www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Kommentar von Prof. Birgit Mandel: www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html
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