
Die Autoren des Buches "Der Kulkturinfarkt: Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Armin Klein (v. r. n. l.). © Albrecht Knaus Verlag Fotograf: Andreas Pavelic
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Welcher Impuls war es, der Sie dazu geführt hat, das Buch zu schreiben?
Autorenteam: Das können wir ganz genau bestimmen: im November 2009 fand eine Tagung der Kulturpolitischen Gesellschaft unter dem Titel „Kultur trotz(t) Krise“ statt. Oliver Scheytt fragte Pius Knüsel, was er mit dem Blick von außen uns in Deutschland empfehlen könne. Und er sagte nur das eine Wort: „Aufräumen!“. Im Zuschauerraum saßen wir, schauten uns an und sagten: Das wird der Titel des Buches! Und es blieb lange Zeit tatsächlich der Arbeitstitel des Buchs. Bis zum 30. September 2011 war noch die Intention, daraus ein sachliches Buch zu machen, so wie es schon ganz viele gibt. Der Verleger prognostizierte jedoch eine Wirkung nahe Null. Stattdessen schlug er vor, eine schlagkräftige Metapher zu finden - dann würde es ein Erfolg werden. Nach kurzer Bedenkzeit trauten wir uns und fanden mit dem Infarkt auch die passende Metapher für unser Anliegen.
KMN: Wie sehen Sie sich und Ihre Thesen in den Medien wiedergegeben? Haben Sie das Gefühl, völlig falsch verstanden worden zu sein?
Autorenteam: Wir haben von einem gewollten strategischen Missverständnis gesprochen. Die erste Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates begann zunächst mit zwei Lügen, nämlich erstens dass wir fordern würden, die Hälfte der Subventionen zu streichen und zweitens diese Gelder einsetzen wollten, um die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren. Das stellt unsere Intention völlig auf den Kopf, und dies mussten wir bedauerlicher Weise auch juristisch korrigieren lassen.
Wir haben insofern einen strategischen Fehler begangen, als wir gedacht haben, das ist so dumm, das plappert keiner nach, die Leute lesen den Spiegel oder besser gleich das Buch selbst. Das war ein Fehler, denn bis heute wird die Debatte auf diese zwei Aspekte verkürzt.
Jetzt wird vom Kulturrat sogar behauptet, wir wollten nicht nur die Hälfte der Subventionen kürzen, wir wollen gleich die Hälfte der Einrichtungen schließen. Stattdessen haben wir immer gesagt: „Was wäre wenn …? Wäre das die Apokalypse?“ Und die, die sich jetzt laut äußern, für die ist es anscheinend die Apokalypse. Für uns ist es das nicht.
Natürlich: Die Diskussion findet jetzt über ein Thema statt, nämlich über die Hälfte. Aber da sind doch noch andere Themen drin: rezeptionsästhetische, ordnungspolitische, Aspekte darüber, wie Kulturförderung anders organisiert werden könnte. Im Moment spielen diese Themen in der öffentlichen Diskussion zum Buch nur am Rande eine Rolle. Wir hoffen, dass nach diesem Aufschlag genau darüber die Diskussion geführt wird, weil das doch die interessanten Themen sind.
KMN: Sie wählten gezielt das Mittel der Provokation und Polemik. War das nötig?
Autorenteam: Es war notwendig, ein polemisches Buch zu schreiben. Das zeigt die Reaktion jetzt. Keiner von uns hat komplett neu argumentiert. Wir haben die Thesen, die wir zusammengetragen haben, auch schon vorher formuliert. Doch war die Wirkung bei weitem nicht so groß, wie sie jetzt eingetreten ist. Erst jetzt wird kulturpolitisch mit der notwendigen Intensität diskutiert. Das ändert nichts daran, dass in der ersten Welle der Rezeption etwa dreiviertel der Statements auf die Halbierung verkürzt wird. Bei diesen fast panischen Reaktionen kommt die zweite Hälfte des Buchs nicht mehr zur Sprache. Erst kürzlich wandten sich 50 Kulturschaffende um Wim Wenders gegen den Kulturinfarkt und redeten vom Kahlschlag. Das Schlimme ist, dass in den Hirnen derer eine ziemliche Kahlheit herrscht und das Visionäre, das wir der Kunst zubilligen – so wie im Politischen und in der Verwaltung auch – keinen Platz mehr hat. Die Leute sind offenkundig nicht mehr in der Lage, auf dem Papier eine Vision zu zeichnen. Insofern ist diese Art der Rezeption, diese Verbohrtheit, enttäuschend.
Wenn diese kulturpolitische Diskussion, die wir analysieren, so zubetoniert ist, muss es einen entsprechenden Aufschlag geben – dieser kann nur polemisch sein. Deswegen war es auch gut und sinnvoll, im Spiegel zu schreiben und mit einer Provokation anzufangen. Das können Sie auch an einer Reaktion seheh, die uns am meisten gefallen hat. Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Max Fuchs, sagte schlicht „Das Buch ist nicht hilfreich“, wahrscheinlich unbewusst, aber wörtlich zitierte er Frau Merkel, die sich bei anderer Gelegenheit zur obersten staatlichen Buchrezensentin stilisiert hatte. Solches symbiotisches Denken zeigt, wie sehr Kulturverbände und Politik in Deutschland längst zu einem staatlich-kulturellen Komplex zusammengewachsen sind.
In der Schweiz sieht dies schon anders aus. Lettre widmet sich gerade ausführlich auf 6 Seiten dem Kulturinfarkt – da werden mehrere Themen und Aspekte unseres Buchs ausgebreitet.
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