Begonnen hat alles mit einem fiesen Kratzen im Hals, das sich auch durch das emsige Lutschen von Hustenpastillen nicht in den Griff bekommen lies. Dann wanderten die Bakterien weiter, machten die Nebenhöhlen dicht und feierten in meinem linken Mittelohr eine wilde Party, um sich schließlich in meinen Bronchien niederzulassen, was diese mit einem unangenehmen Reizhusten quittierten.
Während ich also mehr oder weniger schlecht gelaunt mit Salbeitee gurgle, Lindenblütentee trinke oder umgekehrt, muss ich an Vivaldi denken. Antonio Lucio Vivaldi, geboren am 4. März 1678 in Venedig war nämlich noch viel schlimmer dran: ihn plagte nicht nur einen Sommer, sondern Zeit seines Lebens ein schlimmer Husten, Vivaldi litt an Asthma. Deshalb musste er sogar sein Priesteramt niederlegen, so sehr zehrte das Lesen der Messe an seinen Kräften. Manchmal verschwand er während des Gottesdienstes für längere Zeit in der Sakristei, um sich auszuhusten oder auszuruhen – oder um eine Melodie aufzuschreiben, die ihm während der Messe eingefallen war, so munkelten damals die Leute. Die Musik war eben doch Vivaldis größere Liebe. Irgendwann gab er das Priesteramt dann ganz auf und wandte sich vollständig der Tätigkeit als Geiger und Komponist zu. Aus heutiger medizinischer Sicht übrigens durchaus ein richtiger Schritt, denn körperliche Anstrengung kann Asthma verschlimmern. Oder war es ein Vorwand, um sich auf die Musik konzentrieren zu können? Denn dass er sich beim Komponieren weniger anstrengte, kann man nicht so ganz glauben, schließlich stammen mindestens 770 Werke aus seiner Feder und vielleicht sind es noch mehr. Erst 1927 fand man in einem piemontesischen Kloster und in Genua eine Handschriftensammlung mit über 300 bis dahin unbekannten Konzerten, 19 Opern, einem Oratorium und zahlreichen Vokalwerken.
Eine Messe hat Vivaldi auf jeden Fall nie wieder gelesen. Von seiner Zeit als Priester blieb ihm nur der Spitzname “il Prete rosso“. Das „rosso“ rührt aber nicht etwa daher, weil Vivaldi zu seinem Asthma auch eine rote Schnupfennase hatte, nein. Den „roten Priester“ nannten ihn die Menschen seiner üppigen roten Haarpracht wegen, auch im damaligen Italien eine Seltenheit.
Die Menschen waren von Vivaldis Musik begeistert, seine Werke riefen wahre Begeisterungsstürme bis hin in die höchsten adeligen Kreise und zu König Ludwig XV. hervor. Nur einem gefiel es so gar nicht, dass Vivaldi sich aus der kirchlichen Verantwortung weggehustet hatte und der ruinierte den Komponisten dann auch finanziell: Kardinal Tommaso Ruffo. Per Edikt ließ er am 16. November 1737 die Aufführung einer Oper Vivaldis in Ferrara mit der Begründung verbieten, Vivaldi käme seinen priesterlichen Pflichten wie dem Lesen der Messe nicht nach – der Hauptgrund dürfte aber eher die wilde Ehe mit der Sängerin Anna Girò gewesen sein, was dem sittenstrengen Kardinal mehr als missfiel. Vivaldi gehörte schließlich offiziell immer noch zum Priesterstand!
Vivaldi hätte das Geld aus der Opernaufführung dringend gebraucht – enttäuscht und knapp bei Kasse brach er zwischen Frühjahr und Sommer 1740 mit Anna Girò nach Wien auf, starb dort jedoch weniger als ein Jahr später, ohne künstlerisch wieder Fuß gefasst zu haben, am 28. Juli 1741. Mein Fazit: So ein Husten hat also manchmal durchaus sein Gutes, wie in Vivaldis Fall für die Musikgeschichte. Über den tieferen Sinn meines Hustens muss ich erst noch nachdenken.
Wenn Sie Vivaldis Vier Jahreszeiten einmal im wunderschönen Schloss Schleißheim erleben wollen, haben Sie dazu die Möglichkeit am 11. Mai 2013 im Barocksaal. Ein ganz besonderes Highlight ist es natürlich den schönsten Jahresreigen der Musikgeschichte unter freiem Himmel zu genießen. Das können Sie am 13. August 2013 im Brunnenhof der Residenz als Open Air genießen.
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