Mitbürger mit Maximalpigmentierung – Bembers im Backstage

oder „Synapsen platzen und der ganze alte, verkochte Denkeintopf wird in den Heavy-Metal Mixer geworfen und als hochprozentiger, eisgekühlter Turbo-Brain-Zombie bretterhart neu serviert“ (aus der Tourbeschreibung zu Bembers – Voll in die Fresse“)

Ok, ich spiele Schafkopf – natürlich einen fränkischen „Kurzen“ mit sechs Karten – seit ich 14 Jahre alt bin. Den Entlaskeller auf der Erlanger „Berchkerwa“ finde ich mit verbundenen Augen. Meine Lieblingsabschiedsfloskel ist immer noch „Ade“ und in München ein „Weißbier“ statt einem „Hefe“ zu bestellen, fällt mir nach wie vor schwer.

Also, kein Problem, dachte ich, da wird mich als waschechte Exil-Fränkin in München, der neue Comedy Shooting-Star „Bembers“ aus dem Frankenmetropole Nürnberg nicht schocken. Hat er aber doch…

Aber von vorne: Freitag, 17.2.2012, 20 Uhr, Club im Backstage. Zum Glück stehen wir, da es sich um einen Dienstauftrag für Kulturgipfel handelt, auf der Gästeliste, denn die Veranstaltung im oberbayerischen München ist ausverkauft. Ein Phänomen, das auch Bembers, alias Roman Sörgel, Grafikdesigner und Frontman der Nürnberger Comedy-Cover- Band Wassd Scho? Bassd Scho!, immer wieder verblüfft: „Na, überleg mal. Der Bembers ist ein Franke. In Wilhelmshaven versteht den doch kein Mensch. Die sind sprachlich gesehen so etwas wie fränkische Neandertaler. Aber gut, vielleicht gefällt denen ein Programm, das sie nicht verstehen,“ so die Kunstfigur Bembers in einem seiner seltenen Interviews mit der AZ Nürnberg vom 15.4. 2011. Vielleicht sind die Münchner sprachlich keine „fränkischen Neandertaler“, aber man sollte schon etwas fränkische Muttermilch gesogen haben, um beispielsweise den affirmierenden Ausruf „Bassd scho“ in seiner Dynamik und Epik nachvollziehen zu können. Sollte man meinen. Ausverkaufte Häuser in nichtfränkischen Gefilden spiegeln die anscheinend metasprachliche Kommunikationsebene eines Bembers wieder. Bembers wirkt!

Im April 2011 gab es noch keine Liveauftritte und der Boom um den pöpelnden fränkischen Grantler begann gerade erst. Wie alles begann? Erzählt Bembers am besten selbst:

„Ich lag auf dem Sofa, hatte mein Laptop auf dem Bauch und habe die eingebaute Kamera und die Möglichkeit entdeckt, dass ich mich da selbst aufnehmen kann. Und dann habe ich mir gedacht, dass ich meinen Kumpels, die mit mir bis in die frühen Morgenstunden um die Häuser gezogen waren, mal eine kleine Videobotschaft überspiele. Ich wollte sie eigentlich nur ein bisschen aufmuntern, weil ich wusste, dass die genauso leiden wie ich. Und dann habe ich ihnen per Internet-Videoclip halt mal erklärt, wie super ich drauf bin. Dabei habe ich ausgesehen wie der Tod von Forchheim. Die Jungs hatten dann nichts Besseres zu tun, als das Video rumzuschicken. Und plötzlich meldeten sich Leute, die ich überhaupt nicht gekannt habe. Die waren begeistert und wollten wissen, ob es noch mehr solcher Filmchen gibt. Ich war total fassungslos…“

Diese „Filmchen“ können inzwischen zwischen 40.000 und 630.000 Aufrufe auf Youtube verzeichnen. Aber funktioniert das auch live? Ja, mit einer, wie er sich selbst bezeichnet, „Rampensau“ wie Roman Sörgel, respektive Bembers – übrigens die fränkische Adaption des Windelherstellers „Pampers“, nach dem fränkschisch-epikuräischen Motto „Sch…. dich ned ei“ und einem gut durchdachten und inszenierten Plot. Bembers nimmt sein Publikum mit auf eine Reise von der Nürnberger Südstadt nach Paris bis in eine Sauna ohne exakte Lokalisierung. Er entführt sein Publikum so in seine Welt, dass man – leider – jede Obszönität und verbalisierte Exkremente bildlich vor sich sieht… Das wäre aber so extrem gar nicht nötig, denn Bembers hat eine viel wichtigere Message: Nazis, Skinheads und Wegschauer haben bei ihm nichts verloren. So auch die vom begeisterten Publikum eingeforderte Zugabe „Kain Schwarzer“. Mit 633.277 auch auf Youtube der Topseller. Grundaussage: Lieber handeln (einem Schwarzen, der von Skinheads verprügelt wird, helfen), als lange politisch korrekt zu diskutieren (, ob man einen Schwarzen „Neger“ nennen darf oder lieber „Mitbürger mit Maximalpigmetierung“) und dabei, vollkommen an der Realität vorbei, die nötig Hilfe verstreichen zu lassen. Mehr davon, das ist fränkischer Pathos in Reinkultur! Und es lohnt sich, diese Message von Franken über Oberbayern bis nach Wihelmshaven zu transportieren. Ade!

Weitere Infos unter:
http://www.bembers.de/
http://www.facebook.com/bembers.de

Über den Autor

Lies Köppl: Seit September 2009 bin ich bei Kulturgipfel für das Marketing zuständig. Nach dem Studium (Germanistik, Geschichte, Musikwissenschaft) war ich von 2004 bis 2009 für die Kultur- und Sozialstiftung Internationale Junge Orchesterakademie (IJOA) im Bereich PR tätig. Musik, Kultur, Biergarten und am Wochenende in die Berge – das macht die „nördlichste Stadt Italiens“ auch für mich zur schönsten Stadt der Welt.