Ein wahrer Heldentenor – Interview mit Anton Klotzner

Pavarotti, Domingo und Carreras haben es Anfang der 90er Jahre vorgemacht: Unter dem Namen „Die Drei Tenöre“ begeisterten sie ein Millionenpublikum mit den schönsten Tenorarien aus den großen italienischen Opern.
Am 20. Juli 2013 werden bei der “Hommage à Pavarotti” die schönsten Arien und Lieder aus den Auftritten des unvergessenen Tenors Luciano Pavarotti erklingen – interpretiert von einer Sopranistin und drei Tenören. Der Italiener Anton Klotzner ist einer der Sänger, die an diesem Abend mit ihrer Stimme das Publikum verzaubern werden. In einem Interview schwärmt er davon, wie faszinierend es ist, zu singen, denkt darüber nach, wie heldenhaft man heute noch sein kann, und verrät eine wahre Begebenheit aus dem Leben eines Tenors:

Herr Klotzner, wie sind Sie zum Singen gekommen?

Der italienische Tenor Anton Klotzner

Mir wurde schon immer nahe gelegt, dass ich eine sehr gute Stimme habe und ich unbedingt etwas daraus machen solle. Da ich aber relativ bodenständig erzogen wurde – wir waren acht Kinder zu Hause – war es der Wunsch meiner Eltern und auch mein eigenes Ziel, so schnell wie möglich auf eigenen Füßen zu stehen. Und da sind andere Berufe naheliegender.
Ich ließ mich also erst einmal zum Bauingenieur ausbilden und konnte das ersehnte Musikstudium beginnen, sobald ich genügend Geld angespart hatte.

Zu Beginn Ihrer Gesangskarriere waren Sie zunächst Bariton und haben erst später ins Tenorfach gewechselt. Wie kam es dazu?

Mich haben eigentlich von Anfang an besonders die Tenorarien begeistert und, wenn ich Aufnahmen anhörte, habe ich diese auch immer mitgesungen. Mein erster Lehrer sah in mir aber einen Bariton und wollte meine vorhandene kräftige Stimme noch lauter machen. Mein zweiter Lehrer erkannte schließlich, dass ich auch die Höhe hätte, um Tenor zu singen. So wurde ich dann ein sogenannter „Tenore spinto“ oder „Tenore di forza“: ein Heldentenor, der übrigens auch seltener ist und eher meinem Wesen entspricht.

Was würden Sie sagen, macht denn das Wesen des Tenors aus? Ist es das Heldenhafte?

Das Wesen des Tenors – das ist schwer zu sagen.
Wenn ich eine Arie singe und sie nicht mit einem hohen Ton abschließe, bei dem ich noch einmal an meine Grenze gehe, fehlt mir etwas. Dieses „ An-seine-Grenze-Gehen“ ist für mich das, was bei einem Tenor ausgeprägter sein muss als bei einem Bariton. Man muss außerdem den Mut haben, sich zu blamieren. Also sind wir schon in gewisser Weise Helden. Außer vielleicht bei Mozart – Ich habe einmal die Partie des Don Ottavio aus der Oper „Don Giovanni“ gesungen und dachte ständig bei mir: „Wie kann der Ottavio nur ständig dieser Frau nachlaufen? Die betrügt dich doch von vorne bis hinten!“ Bei Mozart sind die Tenöre also nicht immer die Helden, finde ich!

Haben Sie eine Arie, die Sie während des Singens immer wieder überzeugt und begeistert?

Wenn ich mich auf einen Komponisten festlegen müsste, würde ich Verdi vorziehen. Er ist für mich einfach der ehrlichste. Ihm gelingt es ganz wunderbar, Text in Musik zu setzen. Im Grunde ist Musik ja nur eine besondere Betonung der Worte, des Textes, des Inhalts, um die Gefühle, die darin stecken, noch mehr zu betonen.
Meine Lieblingsarie allerdings ist „Nessun Dorma“ aus der Oper „Turandot“ von Puccini. Es steckt alles darin und sie wird einem niemals überdrüssig. Immer wieder ist es eine Herausforderung, sie zu singen – und natürlich auch eine Befriedigung, wenn es gelingt. Mit dieser Arie kann man das Publikum so richtig mitreißen, das fasziniert mich am meisten daran!

Gibt es Orte, an denen Sie am liebsten singen?

Ich singe sehr gern in Räumen, in denen eine große Nähe zwischen Sänger und Publikum besteht. Ich habe das Gefühl, dass ich so die Zuhörer am meisten begeistern kann. Wenn ich zum Beispiel im Rahmen eines Nobelessens singe, spüre ich ganz deutlich, wie stark die Zuhörer, die neben mir sitzen, etwa bei einem hohen C ergriffen werden.
Man spricht in dem Zusammenhang auch von Zwerchfell-Kommunikation. Die hilft einem auch, wenn man mit anderen Sängern zusammen singt. Wenn ich etwa mit einem Pavarotti ein Duett singen würde, hätte ich sicherlich kein Problem, außer der Einschüchterung, mit einem so tollen Sänger singen zu dürfen. Man ist aufeinander eingestimmt, rein körperlich. Und eben diese Zwerchfell-Kommunikation funktioniert auch zwischen dem Sänger und dem Publikum; je geringer der Abstand, desto besser.

Bei Open-Air-Konzerten ist sowohl der Raum groß als auch das Publikum äußerst zahlreich. Wie empfinden Sie solche Konzerte?

Ein Open-Air-Konzert vor dem Schloss Dachau
Ein Open-Air-Konzert vor dem Schloss Dachau

Bei Open-Air-Konzerten ist das Besondere dieses Gefühl, dass so viele Leute dabei sind und gemeinsam wunderbare Musik genießen. Die Begeisterung steckt alle an und lässt eine tolle Stimmung entstehen. Bei dem Open-Air-Konzert in Dachau singen wir außerdem wunderschöne Tenorpartien, was mir als Sänger natürlich viel Freude bereitet und auch das Publikum mitreißt.
Die Tendenz geht ja auch in unserer schnelllebigen Zeit in diese Richtung: Wir haben kaum noch die Geduld, in drei Stunden nur zwei Höhepunkte zu erleben. So entstehen solche Konzerte auch aus dem Bedürfnis des Publikums heraus, einfach schneller und effektiver unterhalten werden zu wollen.
Aber es ist einfach toll, dass die Leute Gesang derart faszinierend und großartig finden.
Das Singen mit Mikrofon, das bei Open-Air-Veranstaltungen das Übliche ist, empfinde ich allerdings als gewöhnungsbedürftig. Die klassische Ausbildung ist darauf ausgelegt ist, dass du allein mit deiner Stimme Konzertsäle und Theaterhäuser füllen kannst. Sobald ein Mikrofon im Spiel ist, wird es unwichtig, wie laut deine Stimme eigentlich ist. Du musst nur richtig singen. Alles andere macht der Tontechniker. Bei einem Open-Air-Konzert im Brunnenhof habe ich übrigens auch schon ohne Verstärkung gesungen, da die Akustik dort sehr gut ist.

Ein Beleg wiederum für Ihre kraftvolle Stimme.
Kennen Sie einen Tenorwitz, der am Schluss unseres Interviews noch einmal das Klischee eines Tenors zeigt?

Eine wahre Geschichte aus einer deutschen Staatsoper: Ein Tenor war für eine Vorstellung Mozarts „Zauberlöte“ eingesprungen. Am nächsten Tag ruft der Agent des Tenors beim Intendanten an und fragt: „Hat er nicht toll gesungen?“ Der Intendant darauf: „Ja, schön hat er gesungen, schön… Nur schade, dass das Orchester die ganze Zeit einen Halbtonschritt zu hoch gespielt hat.“

Anton Klotzner in der "Gräfin von Mariza"
Anton Klotzner in der “Gräfin von Mariza”

Dem maßlos von sich selbst überzeugten Tenor entgeht völlig, was um ihn herum passiert, sogar die Intonationsdiskrepanz zum Orchester?

Man sieht vor allem wieder: Als Tenor musst du den Mut haben, dich zu blamieren. Als Heldentenor erst recht. Denn heutzutage werden Helden oft als dumm abgestempelt. Das betriebswirtschaftliche Denken geht schon über in die Kunst, ins Privatleben. Man fragt sich vor jeder Handlung: „Lohnt sich das überhaupt für mich? Zahle ich da selbst nicht am Ende drauf?“ So wird auch Verhalten, das früher als heldenhaft gegolten haben mag, als Dummheit eingeschätzt. Vor einigen Jahren habe ich mich selbst in dieser Lage wieder gefunden. Ich war abends unterwegs und sah, wie eine Bande von Jugendlichen durch die Straße lief und mit dem Fuß die Seitenspiegel der Autos abtrat. Ich bin zu den Jungen hinüber gegangen und habe verlangt, an allen beschädigten Autos einen Zettel mit ihrer Adresse zu hinterlassen. Die Jungs sind einfach weggelaufen, aber später von der Polizei gefasst worden. Leute, denen ich davon erzählt habe, meinten oft: „Du spinnst! Die hätten dich zusammen schlagen können.“ Nur: Soll ich deshalb wegschauen? Die Helden sind also heutzutage die dummen Leute?

Anton Klotzner ist also nicht nur in der Welt der Musik ein Heldentenor, sondern auch im richtigen Leben ein wahrer Held. Am 20. Juli 2013 darf er sich wieder auf der Bühne beweisen, mit einer “Hommage à Pavarotti”, bei der er musikalische Schätze von “Nessun Dorma” bis “O Sole Mio!” präsentiert . Ganz heldenhaft beendet er das Interview:

Du kannst mit den tollsten Leuten gesungen und die beste Ausbildung genossen haben, schlussendlich musst du es bei jedem Konzert neu beweisen: Du musst jetzt rausgehen und es jetzt können.

Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Klotzner. Alles Gute und Toi toi toi für die nächsten Auftritte.

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Über den Autor

Karoline Wernicke: Nachdem ich im März erfolgreich mein Dramaturgiestudium an der LMU und der Bayerischen Theaterakademie abgeschlossen habe – was etwas länger gedauert hat, da ich das Studium u.a. dazu genutzt habe, mein Leben durch zwei entzückende kleine Kinder zu versüßen -, arbeite ich nun in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Kulturgipfel. Besonders gefällt mir hier das supernette und familiäre Miteinander sowie die einzigartige Möglichkeit, einen Kulturblog mitzugestalten und eigene Ideen und Texte einzubringen. Ich lasse mich liebend gern von bewegenden Kulturerlebnissen an unerwarteten Orten überraschen. Da ich selber auch sehr gern über Kunst, Kultur und alles andere, was ich so sehe und höre, nachdenke und diskutiere, möchte ich dies auch im Blog tun. Sei es über Kulturförderung, Kunst für Kinder oder die medialisierte Welt: zu denken gibt es viel :)