Name: Karoline

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    So rot wie das Cuvilliéstheater – Proben für “Le Nozze di Figaro”

    September 26th, 2012

    Am 5./6. und 7. Oktober kommt im Münchner Cuvilliéstheater W.A. Mozarts Oper “Le Nozze di Figaro” zur Aufführung, mit Barockinstrumenten und phantastischen Solisten sowie einem erstklassigen Schülerchor. Höchste Zeit für einen Probenbesuch bei dieser einmaligen Produktion!

    Szenenprobe: Günter Papendell (Graf), Frank Siebenschuh (Regie), Manfred Bittner (Figaro), Katja Stuber (Susanna) und Philipp Amelung (Musikalische Leitung)

    Nur noch wenige Tage bis zur Premiere: vieles wurde in musikalischen und szenischen Proben bereits besprochen, ausprobiert und festgelegt, sodass es in den kommenden Ablauf-, Durchlauf- und Endproben “nur noch” um die Überprüfung, Festigung und Verfeinerung des in den letzten Wochen Angelegten geht. Es gibt also schon einiges zu sehen und zu hören. Bei meinem Probenbesuch am 24. September erlebte ich daher ein wunderbar eingespieltes Team, insbesondere gesanglich sowie schauspielerisch überzeugende Solisten. Gerade auch das überragende musikalische Niveau des Chores des Pestalozzi Gymnasiums München war bemerkenswert.

    Besonders ungewohnt und erstaunlich so kurz vor der Premiere, wie mir das Produktionsteam dann auch während eines späteren Gesprächs bestätigte, war die fast freundschaftlich entspannte und heitere Stimmung auf der Probe. Das Ganze macht sichtlich allen Beteiligten großen Spaß.

    Für mich persönlich am faszinierendsten war, diese fast himmlische Mozart’sche Musik in einem einfachen, recht irdischen Probenraum zu erleben. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Solisten ganz beiläufig die schönsten Töne erklingen ließen und unterdessen die ordinärsten Gänge von einem Ort zum anderen machten, imponierte mir sehr, ließ mich aber auch eine Diskrepanz zwischen der fast banal wirkenden Probensituation und Räumlichkeit und der Höheren Welt dieser Musik empfinden, die an jedem Ort ihre gewaltige Wirkung zu entfalten vermag… bar jeden Kostüms, atmosphärischer Beleuchtung und räumlicher Pracht. Auf bloßem Parkett wandeln hier die Solisten, umgeben von weißen Wänden und ein paar Bühnenblöcken und zaubern allein mit ihrer Stimme ganze Gefühlswelten in die Luft: ein sehr beeindruckendes Erlebnis.

    Bühnenmodell von Bühnen- und Kostümbildnerin Stefanie Heinrich: ein Gartenlabyrinth

    Überhaupt war der Blick in die Kunstwerkstatt, in die Küche der Inszenierung gewisser Maßen äußerst spannend. Ein Bühnenmodell – die Bühne des Cuvilliéstheaters samt des konzipierten Bühnenbildes – gab in Miniatur einen guten Eindruck von der tatsächlichen Wirkung der Bühne, die im Probenraum ja nie vollständig nachempfunden werden kann. Drollig waren besonders die aus Papier nachgebauten teuren Stühle des Rokokotheaters. Stellvertretend für die Sänger sind kleine Figürchen aufgestellt. So ließe sich schon im Kleinen die Oper nachspielen.

    Zudem waren an einer Wand Figurinen – Skizzen von den Figuren in ihren Kostümen – angebracht, die ebenfalls einen Einblick in das ästhetische Konzept der Inszenierung gaben. Die Kostüm- und Bühnenbildnerin Stefanie Heinrich hat für diese Produktion Kostüme kreiert, die sich einer eindeutigen zeitlichen Verortung entziehen und stattdessen spielerisch Elemente aus verschiedenen Zeit, der Zeit Mozarts, des Biedermeier und der Moderne in sich vereinen. Eine interessante Fußnote bezüglich der Kostüme ist übrigens die Reminiszenz des Rots des Cuvilliéstheaters in der farblichen Gestaltung der Kostüme des Grafen und der Gräfin, als Zeichen ihres Adels. Dem würdigen und schweren Rot der Herrschaften sind die hellen und luftig gestalteten Kostüme der Bediensteten, der jungen Liebenden entgegen gesetzt. Dass der Graf in der Inszenierung dann versucht, Susanna einen roten Damenhut aufzusetzen, führt dieses Spiel mit den Farben auf sinnfällige Weise weiter, stellt er doch den Versuch der Vereinnahmung Susannas durch den auf das Recht der ersten Nacht pochenden Grafen dar.

    Figurinen geben einen Eindruck von Kostüm und Charakter der Dramatis Personae

    Luftig wie die Liebenden, insbesondere äußerst offen für die szenische Fantasie und Kreativität, dabei aussagekräftig und funktional, hat Stefanie Heinrich die Bühne konzipiert, die aus verschiebbaren grüngrasigen Blöcken besteht, die in ihrer Anordnung an labyrinthisch angelegte Hofgärten erinnern. In einem Labyrinth aus Liebe und Macht befinden sich tatsächlich auch die Figuren.

    Figurinen, Bühnenmodell, Musik und die Präsenz der Sänger begannen langsam in meinem Kopf zu einer Ahnung von dem, was letztlich auf der Bühne zu sehen sein würde, übereinander zu legen. Doch ein entscheidendes Element fehlte mir noch, eines das auch die Sänger und das Produktionsteam mit Freude und Spannung erwarten: das Orchester La Banda. Erst mit dem Beginn der Endproben unter Originalbedingungen im Cuvilliéstheater wird es dazu kommen und Mozarts Musik auf Barockinstrumenten zu Gehör bringen. Der musikalische Leiter Philipp Amelung wusste mir aber bereits im Voraus zu berichten, dass historische Instrumente vor allem die Bläser leiser, aber auch wärmer, weicher und natürlich schöner klingen. Ein Vorteil sei dies übrigens auch für die Sänger, die oftmals nur mit Mühe mit ihren Stimmen gegen die großen Orchesterapparate ansingen können. Eine Erholung ist es für sie daher mit einem Barockorchester musizieren zu können.

    Susanna (Katja Stuber) beobachtet mit gemischten Gefühlen die Unterhaltung zwischen ihrem Verlobten Figaro (links, Manfred Bittren) und dem Grafen Almaviva (rechts, Günter Papendell)

    Bis zur Premiere sind aber noch Feinheiten zu klären, wie etwa die Frage, wie stark Figaro seinem Herren Almaviva, die Stirn bieten darf, wie frech und selbstbewusst er auftreten darf. Auf diese zwischenmenschlichen Nuancen legt Regisseur Frank Siebenschuh, der mit Mozarts “Le Nozze di Figaro” seine erste Oper inszeniert, großen Wert. Der einzige Unterschied zum Schauspiel ist für ihn, dass die Figuren eben singen und nicht sprechen… das allerdings auch noch auf Italienisch! An der Handlung interessiert Siebenschuh vor allem das komplexe und ambivalente Verhältnis von Liebe und Macht: Die Macht der Liebe, die Liebe zur Macht, die Ohnmacht und Übermacht der Liebe! Das Erzählen einer Geschichte steht für ihn dabei stets im Zentrum. Es gilt daher die Figuren in ihren oft widersprüchlichen Bedürfnissen und Intentionen zu zeigen und gleichzeitig die Geschichte mit ihren komödiantischen und melodramatischen Wendungen zu entfalten.

    Wie es dem gewitzten und listigen Figaro letztendlich gelingt, seine Verlobte Susanna vor den tollen Zudringlichkeiten seines Herren zu schützen, kann das interessierte Publikum ab kommendem Freitag, dem 5. Oktober im Cuvilliéstheater miterleben.

    In diesem Zusammenhang ist übrigens auch jenes Foto an einer Wand des Probenraumes interessant, das uns Zuschauern einen Blick aus einer anderen, unbekannten Perspektive gewährt – der eines Sängers in den leeren Zuschauerraum. Am Freitag zur Premiere werden allerdings Hunderte von gespannt hörender und schauender Menschen dort sitzen. Die fast himmlische Musik Mozarts wird dann in einem würdigen Rahmen erklingen:  samt Kostümen, atmosphärischer Beleuchtung, räumlicher Pracht und historischem Klang…

    5.10.12/6.10.12/7.10.12

    Cuvilliéstheater Münchner Residenz

    Le nozze di Figaro – W.A. Mozart

    Reservierungen: 089 559686 13 / tickets@kulturgipfel.de

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    Der Tanzsaal eine Bühne – Prachtvolles Fest zum 350. Jubiläum Max Emanuels

    August 17th, 2012

    In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag von Kurfürst Max Emanuel zum 350. Mal. Der “Blaue Kurfürst“ und sogenannte “Türkenbezwinger” hatte nicht nur ein großes kriegerisches Talent. Ganz  Sohn seiner Zeit legte er höchsten Wert auf höfische Festlichkeit mit Tanz, Musik und Literatur und trat als Mäzen hervor. Zuletzt ließ er eines der Meisterwerke barocker Schlossbaukunst errichten: das Schloss Schleißheim. Hier wird am 22. September mit dem „Jubiläums-Barocktanzkonzert“ der Geburtstag des bedeutenden bayerischen Kurfürsten gefeiert.

    Kurfürst Max Emanuel mit seiner Viola da gamba

    Mit einem großen Fest wurde vor 350 Jahren die Geburt des Sohnes des Kurfürsten Ferdinand Maria und seiner Ehefrau, der savoyischen Prinzessin Henriette Adelheid, gefeiert; unter anderem mit dem Bau der Theatinerkirche und des Nymphenburger Schlosses. Der kleine Maximilian II. Emanuel wurde am 11. Juli 1662 in die prachtvolle Welt des absolutistischen bayerischen Fürstenhofes hinein geboren, erhielt eine umfassende Ausbildung und wurde bereits als 16-Jähriger, nach dem Tode seines Vaters, Kurfürst von Bayern. Max Emanuel zählte schon bald zu den schillernden Herrschern der bayerischen Geschichte. Er griff offensiv in die europäische Politik ein, erwarb sich den Ruf eines exzellenten Feldherrn und war mit nur 26 Jahren ein in ganz Europa bewunderter Kriegsheld. Er wurde zum Generalissimus und Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies durch den Kaiser ernannt. Sein großer Traum, die Erhebung zum König, ging allerdings nicht in Erfüllung. Doch noch heute ist der „Blaue Kurfürst“ eine Berühmtheit.

    Umrankt wurde die einmalige politische und militärische Laufbahn Max Emanuels von der für den Absolutismus und das Barock üblichen prachtvollen höfischen Festlichkeit. Nach dem Vorbild des französischen Hofes von Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, legte auch Max Emanuel auf rauschende Feste und einem ungeheuren Prunk großen Wert. Der noch von seinem Vater angehäufte Staatsschatz machte ihn dann auch für den französischen König interessant. Er konnte als großzügiger Mäzen hervortreten und unterstütze die Künstler seiner Zeit, beschäftigte Komponisten an seinem Hof und kaufte über 100 Gemälde, davon alleine zwölf Werke von Peter Paul Rubens, die heute den Grundstock der Alten Pinakothek bilden. Für seine Hofmusik bezog er die Instrumente unter anderem vom französischen Hoflieferanten Pierre Naust in Paris. Seine Kunstsinnigkeit hatte er wohl von seiner künstlerisch sehr begabten Mutter geerbt. Max Emanuel spielte selbst Viola da gamba und liebte die am bayerischen Hofe gepflegten Feiern und musikalischen wie sonstigen künstlerischen Aufführungen. Wie auch die barocke Architektur, Raumgestaltung, Gartenarchitektur und Malerei mussten auch sie hohen Ansprüchen genügen und stellten regelrechte Gesamtkunstwerke dar.

    La Danza München – Barocktanz

    Insbesondere der Tanz als feierlich exekutierte Zeremonie bildete bei diesen höfischen Festen einen Höhepunkt und machte aus dem Tanzsaal eine Bühne, eine Bühne des gesellschaftlichen Theaters. Der Höfling wurde hier zum Balletttänzer im eigenen Hofballett. Durch eine vielfältige und virtuose Bewegungssprache waren den Ausdrucksmöglichkeiten des Barocktanzes kaum Grenzen gesetzt. Schon frühzeitig mussten kleine Prinzen und Prinzessinnen das strenge Reglement der mathematisch anmutenden Tanzschritte erlernen.
    Schauplätze sowie Kulisse dieser prachtvollen Hofkultur waren die barocken Herrscherschlösser. Mit dem Bau von Schloss Schleißheim setzte Max Emanuel nach dem Schloss Nymphenburg ein weiteres Denkmal europäischer Kunstgeschichte und ein Beispiel barocker Schlossbau- und Gartenkunst ersten Ranges.
    An diesem Ort wird nun der 350. Geburtstag Max Emanuels mit einem „Jubiläums-Barocktanzkonzert“ gefeiert. Der Barocksaal im Schloss Schleißheim wird am 22. September mit dem Tanzensemble “La Danza München” erneut zur prachtvollen Bühne für barocke Musik und Tanzkultur. Vor dem Konzert übrigens können interessierte Zuschauer in dem zum Jubiläum neu eröffneten Dokumentationsraum viel Wissenswertes und Erstaunliches über Max Emanuel, sein Leben zwischen Politik, Krieg, Pracht und Musik erfahren.

    Karten bekommen Sie online: Jubiläums Barocktanzkonzert

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    Ein anderes Wort für Musik: Venedig

    August 9th, 2012

    Am Wochenende fand im Nymphenburger Schloss unterm Münchner Nachthimmel das Sommer-Open-Air „La Notte Veneziana“ statt. Ein stimmungsvoller Abend mit Musik, Literatur und Beleuchtungszauber.

    Was wäre die Lagunenstadt Venedig ohne ihre verzweigten, engen Wasserstraßen, durch die einen venezianische Gondeln romantisch wiegen. Wasser ist das Herz Venedigs. Bei dem Freiluftkonzert „La Notte Veneziana“ am vergangenen Samstag, dem 4. August, kam dieses zum Glück nicht über das Publikum und die Künstler. Und so wurde schon einmal ein entscheidenden Erfolg verbucht: es blieb trocken und das gesamte Konzert konnte unter freiem Sternenhimmel genossen werden.

    Ohne Wasser, jedoch mit ihrer einmaligen Atmosphäre, hielt sie also im Nymphenburger Schloss ihren Einzug: Die romantische Stadt Venedig, die für eine Vielzahl von italienischen Komponisten die wichtigste Wirkungsstätte und Reiseziel zahlreicher Dichter und Gelehrter war. Gioachino Rossini feierte dort besonders mit der opera buffa „L’Italiana in Algeri” 1813 am Teatro S. Benedetto große Erfolge und wurde zum gefragtesten Opernkomponisten seiner Zeit. Giuseppe Verdis weltberühmte Opern, darunter „Rigoletto” und „La Traviata”, hatten im Teatro La Fenice ihre gefeierten Uraufführungen. Der Dichter Johann Wolfgang von Goethe fand in Italien sein reales Akadien und entscheidende Impulse für sein literarisches Werk. Zudem bildet Venedig, insbesondere zur Karnevalszeit, einen beliebten Spielort für Operetten und Opern, etwa für „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß.

    Evgeniya Sotnikova und Ida Wallén schwärmen "Belle nuit, oh nuit d'amour"

    Evgeniya Sotnikova und Ida Wallén schwärmen "Belle nuit, oh nuit d'amour"

    Dementsprechend lebte Venedig an diesem Abend im Innenhof des Orangerietraktes, unter grünen Bäumen, umsäumt von atmosphärisch beleuchteten Schlosswänden in Wort und Musik auf. Der Tenor Anton Klotzner, der Bariton Riccardo Lombardi sowie der Sopranistin Evgeniya Sotnikova und der Mezzosopranistin Ida Wallén besangen in heiteren und berührenden Arien, Duetten und Ensembles die Lagunenstadt. Insbesondere Gesangspartien aus der Operette „Eine Nacht in Venedig“ wurden zu Gehör gebracht.

    Der Tenor Klotzner eröffnete die Venezianische Nacht mit der Arie „Sei mir gegrüßt du holdes Venezia“ und der Schauspieler Tobias Maehler nahm das Publikum anschließend mit auf eine literarische Reise nach Venedig, mit Auszügen aus J.W. Goethes literarischem Reisebericht „Italienische Reise“. In weiteren Arien und Duetten aus Verdis „Un ballo in maschera“ und „La Traviata“ brillierten zudem Ida Wallén, Evgeniya Sotnikova und Riccardo Lombardi. Zauberhaft war das Duett „Belle nuit, oh nuit d’amour“ aus Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, mit dem Ida Wallén und Evgeniya Sotnikova liebessehnsüchtig und in den schönsten Tönen für die venezianische Liebesnacht schwärmten.

    Tobias Maehler lässt lesend Venezia entstehen.

    Der Turiner Pianist und Dirigent, Stellario Fagone, unterhielt das Publikum zwischen den Musiken in äußerst charmanter und humorvoller Art mit Anekdoten aus dem Nähkästchen der venezianischen Operngeschichte. Tobias Maehler gab noch weitere literarische Kostproben bekannter Dichter und Venedigkenner und führte das Publikum über den traumhaften Markusplatz, den Canale Grande, zum venezianischen Karneval und nicht zuletzt in einer Gondel zu einer originär venezianische Gaststätte. Die musikalischen Höhepunkte wurden demnach ganz im Sinne eines venezianischen Sprichwortes umrahmt: Vedi Napoli e poi mori, vedi Venezia e po‘ discori.“ – also „Neapel sehen und sterben, Venedig sehen und reden“.

    Nach der Pause – die Dunkelheit legte sich bereits über den lauschigen Ort – wurde es noch einmal richtig romantisch. Fackeln wurden angezündet und sorgten für eine stimmungsvolle Beleuchtung. Das Liebesduett aus Verdis „Otello“, herzerwärmend von Anton Klotzner und Evgeniya Sotnikova interpretiert, sowie der krönende Abschluss mit „O sole mio“ sorgte für viel Gänsehaut. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits einige Zuschauer in die vom Kulturgipfel gestellten warmen, kuscheligen Decken gewickelt und bedankten sich mit stürmischem Applaus bei den Künstlern für diese wundervolle venezianische Sommernacht.

    Wir haben Venedig gesehen und gehört! Mit Friedrich Nietzsche schließen wir: „Wenn ich ein anders Wort für Musik suche, so finde ich immer nur das Wort Venedig.“

    Übrigens: Ein kurzer, sanfter Regenschauer kurz nach dem Konzert brachte dann doch noch ein wenig echtes Venedig-Wasser nach Nymphenburg.

    Anton Klotzner und Evgeniya Sotnikova singen das Trinklied aus Verdis "La Traviata"

    Anton Klotzner und Evgeniya Sotnikova singen das Trinklied aus Verdis "La Traviata"

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    Ein wahrer Heldentenor – Interview mit Anton Klotzner

    Juli 12th, 2012

    Pavarotti, Domingo und Carreras haben es Anfang der 90er Jahre vorgemacht: Unter dem Namen „Die Drei Tenöre“ begeisterten sie ein Millionenpublikum mit den schönsten Tenorarien aus den großen italienischen Opern.
    Am 20. Juli 2013 werden bei der “Hommage à Pavarotti” die schönsten Arien und Lieder aus den Auftritten des unvergessenen Tenors Luciano Pavarotti erklingen – interpretiert von einer Sopranistin und drei Tenören. Der Italiener Anton Klotzner ist einer der Sänger, die an diesem Abend mit ihrer Stimme das Publikum verzaubern werden. In einem Interview schwärmt er davon, wie faszinierend es ist, zu singen, denkt darüber nach, wie heldenhaft man heute noch sein kann, und verrät eine wahre Begebenheit aus dem Leben eines Tenors:

    Herr Klotzner, wie sind Sie zum Singen gekommen?

    Der italienische Tenor Anton Klotzner

    Mir wurde schon immer nahe gelegt, dass ich eine sehr gute Stimme habe und ich unbedingt etwas daraus machen solle. Da ich aber relativ bodenständig erzogen wurde – wir waren acht Kinder zu Hause – war es der Wunsch meiner Eltern und auch mein eigenes Ziel, so schnell wie möglich auf eigenen Füßen zu stehen. Und da sind andere Berufe naheliegender.
    Ich ließ mich also erst einmal zum Bauingenieur ausbilden und konnte das ersehnte Musikstudium beginnen, sobald ich genügend Geld angespart hatte.

    Zu Beginn Ihrer Gesangskarriere waren Sie zunächst Bariton und haben erst später ins Tenorfach gewechselt. Wie kam es dazu?

    Mich haben eigentlich von Anfang an besonders die Tenorarien begeistert und, wenn ich Aufnahmen anhörte, habe ich diese auch immer mitgesungen. Mein erster Lehrer sah in mir aber einen Bariton und wollte meine vorhandene kräftige Stimme noch lauter machen. Mein zweiter Lehrer erkannte schließlich, dass ich auch die Höhe hätte, um Tenor zu singen. So wurde ich dann ein sogenannter „Tenore spinto“ oder „Tenore di forza“: ein Heldentenor, der übrigens auch seltener ist und eher meinem Wesen entspricht.

    Was würden Sie sagen, macht denn das Wesen des Tenors aus? Ist es das Heldenhafte?

    Das Wesen des Tenors – das ist schwer zu sagen.
    Wenn ich eine Arie singe und sie nicht mit einem hohen Ton abschließe, bei dem ich noch einmal an meine Grenze gehe, fehlt mir etwas. Dieses „ An-seine-Grenze-Gehen“ ist für mich das, was bei einem Tenor ausgeprägter sein muss als bei einem Bariton. Man muss außerdem den Mut haben, sich zu blamieren. Also sind wir schon in gewisser Weise Helden. Außer vielleicht bei Mozart – Ich habe einmal die Partie des Don Ottavio aus der Oper „Don Giovanni“ gesungen und dachte ständig bei mir: „Wie kann der Ottavio nur ständig dieser Frau nachlaufen? Die betrügt dich doch von vorne bis hinten!“ Bei Mozart sind die Tenöre also nicht immer die Helden, finde ich!

    Haben Sie eine Arie, die Sie während des Singens immer wieder überzeugt und begeistert?

    Wenn ich mich auf einen Komponisten festlegen müsste, würde ich Verdi vorziehen. Er ist für mich einfach der ehrlichste. Ihm gelingt es ganz wunderbar, Text in Musik zu setzen. Im Grunde ist Musik ja nur eine besondere Betonung der Worte, des Textes, des Inhalts, um die Gefühle, die darin stecken, noch mehr zu betonen.
    Meine Lieblingsarie allerdings ist „Nessun Dorma“ aus der Oper „Turandot“ von Puccini. Es steckt alles darin und sie wird einem niemals überdrüssig. Immer wieder ist es eine Herausforderung, sie zu singen – und natürlich auch eine Befriedigung, wenn es gelingt. Mit dieser Arie kann man das Publikum so richtig mitreißen, das fasziniert mich am meisten daran!

    Gibt es Orte, an denen Sie am liebsten singen?

    Ich singe sehr gern in Räumen, in denen eine große Nähe zwischen Sänger und Publikum besteht. Ich habe das Gefühl, dass ich so die Zuhörer am meisten begeistern kann. Wenn ich zum Beispiel im Rahmen eines Nobelessens singe, spüre ich ganz deutlich, wie stark die Zuhörer, die neben mir sitzen, etwa bei einem hohen C ergriffen werden.
    Man spricht in dem Zusammenhang auch von Zwerchfell-Kommunikation. Die hilft einem auch, wenn man mit anderen Sängern zusammen singt. Wenn ich etwa mit einem Pavarotti ein Duett singen würde, hätte ich sicherlich kein Problem, außer der Einschüchterung, mit einem so tollen Sänger singen zu dürfen. Man ist aufeinander eingestimmt, rein körperlich. Und eben diese Zwerchfell-Kommunikation funktioniert auch zwischen dem Sänger und dem Publikum; je geringer der Abstand, desto besser.

    Bei Open-Air-Konzerten ist sowohl der Raum groß als auch das Publikum äußerst zahlreich. Wie empfinden Sie solche Konzerte?

    Ein Open-Air-Konzert vor dem Schloss Dachau
    Ein Open-Air-Konzert vor dem Schloss Dachau

    Bei Open-Air-Konzerten ist das Besondere dieses Gefühl, dass so viele Leute dabei sind und gemeinsam wunderbare Musik genießen. Die Begeisterung steckt alle an und lässt eine tolle Stimmung entstehen. Bei dem Open-Air-Konzert in Dachau singen wir außerdem wunderschöne Tenorpartien, was mir als Sänger natürlich viel Freude bereitet und auch das Publikum mitreißt.
    Die Tendenz geht ja auch in unserer schnelllebigen Zeit in diese Richtung: Wir haben kaum noch die Geduld, in drei Stunden nur zwei Höhepunkte zu erleben. So entstehen solche Konzerte auch aus dem Bedürfnis des Publikums heraus, einfach schneller und effektiver unterhalten werden zu wollen.
    Aber es ist einfach toll, dass die Leute Gesang derart faszinierend und großartig finden.
    Das Singen mit Mikrofon, das bei Open-Air-Veranstaltungen das Übliche ist, empfinde ich allerdings als gewöhnungsbedürftig. Die klassische Ausbildung ist darauf ausgelegt ist, dass du allein mit deiner Stimme Konzertsäle und Theaterhäuser füllen kannst. Sobald ein Mikrofon im Spiel ist, wird es unwichtig, wie laut deine Stimme eigentlich ist. Du musst nur richtig singen. Alles andere macht der Tontechniker. Bei einem Open-Air-Konzert im Brunnenhof habe ich übrigens auch schon ohne Verstärkung gesungen, da die Akustik dort sehr gut ist.

    Ein Beleg wiederum für Ihre kraftvolle Stimme.
    Kennen Sie einen Tenorwitz, der am Schluss unseres Interviews noch einmal das Klischee eines Tenors zeigt?

    Eine wahre Geschichte aus einer deutschen Staatsoper: Ein Tenor war für eine Vorstellung Mozarts „Zauberlöte“ eingesprungen. Am nächsten Tag ruft der Agent des Tenors beim Intendanten an und fragt: „Hat er nicht toll gesungen?“ Der Intendant darauf: „Ja, schön hat er gesungen, schön… Nur schade, dass das Orchester die ganze Zeit einen Halbtonschritt zu hoch gespielt hat.“

    Anton Klotzner in der "Gräfin von Mariza"
    Anton Klotzner in der “Gräfin von Mariza”

    Dem maßlos von sich selbst überzeugten Tenor entgeht völlig, was um ihn herum passiert, sogar die Intonationsdiskrepanz zum Orchester?

    Man sieht vor allem wieder: Als Tenor musst du den Mut haben, dich zu blamieren. Als Heldentenor erst recht. Denn heutzutage werden Helden oft als dumm abgestempelt. Das betriebswirtschaftliche Denken geht schon über in die Kunst, ins Privatleben. Man fragt sich vor jeder Handlung: „Lohnt sich das überhaupt für mich? Zahle ich da selbst nicht am Ende drauf?“ So wird auch Verhalten, das früher als heldenhaft gegolten haben mag, als Dummheit eingeschätzt. Vor einigen Jahren habe ich mich selbst in dieser Lage wieder gefunden. Ich war abends unterwegs und sah, wie eine Bande von Jugendlichen durch die Straße lief und mit dem Fuß die Seitenspiegel der Autos abtrat. Ich bin zu den Jungen hinüber gegangen und habe verlangt, an allen beschädigten Autos einen Zettel mit ihrer Adresse zu hinterlassen. Die Jungs sind einfach weggelaufen, aber später von der Polizei gefasst worden. Leute, denen ich davon erzählt habe, meinten oft: „Du spinnst! Die hätten dich zusammen schlagen können.“ Nur: Soll ich deshalb wegschauen? Die Helden sind also heutzutage die dummen Leute?

    Anton Klotzner ist also nicht nur in der Welt der Musik ein Heldentenor, sondern auch im richtigen Leben ein wahrer Held. Am 20. Juli 2013 darf er sich wieder auf der Bühne beweisen, mit einer “Hommage à Pavarotti”, bei der er musikalische Schätze von “Nessun Dorma” bis “O Sole Mio!” präsentiert . Ganz heldenhaft beendet er das Interview:

    Du kannst mit den tollsten Leuten gesungen und die beste Ausbildung genossen haben, schlussendlich musst du es bei jedem Konzert neu beweisen: Du musst jetzt rausgehen und es jetzt können.

    Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Klotzner. Alles Gute und Toi toi toi für die nächsten Auftritte.

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    mini.musik wird 5 Jahre alt – Große Musik für kleine Menschen (Teil I)

    Juni 15th, 2012

    mini.musik verrät alle Geheimnisse aus der Zauberwelt der Musik

    mini.musik wird 5 Jahre alt und ist damit bald älter als sein Stammpublikum. Die Konzertbesucher von morgen erleben auf den Konzerten von mini.musik klassische Musik einmal ganz anders: als Mitmachkonzert. Der kulturblog münchen begleitet das Jubiläum mit spannenden Hintergrundinformationen, u.a. einem Interview mit Anastasia Reiber, eine der Gründerinnen von mini.musik und einem Konzertbericht aus der Perspektive eines Kindes.

    Bitte nicht immer leise sein!

    Meine Tochter liebt Geschichten und Musik, vor allem, wenn sie mitspielen, miterzählen und mitsingen kann. Alles Tätigkeiten, die in einem klassischen Konzert allerdings eher Kopfschütteln und den Unwillen aller Anwesenden hervor rufen. Man stelle sich nur einmal folgende Szene vor: ein kleines Mädchen begleitet die heiteren Klänge aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ mit lautem Gesang und einem schwungvollen Tanz entlang der gesamten Seitenbreite der Konzertbühne. Der Alptraum jeder Mutter – aber vielleicht auch ein Zeugnis der Begeisterungsfähigkeit kleiner Kinder für klassische Musik. Denn verstaubt und langweilig ist diese keineswegs, vielleicht eher ihre Aufführungspraxis.

    Üblicher Weise ist in einem klassischen Konzert außer dem Applaus am Schluss jedes störende Geräusch zu vermeiden und allein ein Standing Ovation rechtfertigt das Erheben vom Platz. Die leicht einprägsame Faustregel für junge Konzertbesucher lautet daher: Augen und Ohren auf, Mund zu!

    Mitmachkonzerte für Drei- bis Sechsjährige

    Mitmachkonzert
    Anastasia Reiber erklärt die Hammermechanik des Klaviers

    Wie wunderbar, dass es auch anders geht: Vor genau fünf Jahren gründete Anastasia Reiber zusammen mit Uta Sailer in München „mini.musik – Große Musik für kleine Menschen e.V.“ und schuf damit die etwas andere Heranführung an Klassische Musik, speziell für eine Altersgruppe, die bis dahin bezüglich eines altersgerechten Kulturangebots recht stiefmütterlich behandelt wurde. mini.musik hat das geändert. In den Konzertprogrammen des Vereins, die so entzückende Titel wie „Die Blechlawine“, „Ritterklang und Prinzessinengesang“ und „Eins Zwei Drei – Buddelei!“ tragen, werden die Kleinen mit einer oft abenteuerlichen und unterhaltsamen Geschichte, die an die Lebensrealität und die Fantasiewelt der Kinder anknüpft, an Werke klassischer Musik sowie an sämtliche Blas- Zupf- und Streichinstrumente herangeführt. Und das unter Mitwirkung von Profimusikern, die nach jedem Konzert die Kinder auf die Bühne bitten, um ihnen die Instrumente aus nächster Nähe zu zeigen. Für Kindergärten gibt es zusätzliche Konzerte – geplant sind auch Konzertprogramme, die sich speziell auf die Räumlichkeit und Erlebniswelt des Kindergartens beziehen und auch hier aufgeführt werden.

    mini.musik mit 15 Produktionen erfolgreich in und außerhalb von München

    In den letzten Jahren entwickelte mini.musik 15 Neuproduktionen, in denen Musik der großen Komponisten von Barock über Klassik, Romantik bis hin zu Jazz, Weltmusik oder freier Improvisation mit anderen Kunstformen wie Papiertheater, Geschichtenerzählung oder Schauspiel kombiniert wird. Die musikalischen Reisen, auf die die Kinder unter der Moderation etwa von Bayern Klassik Moderatorinnen Uta Sailer oder Julia Schölzel geführt werden, sind voller Witz und wundervollen Ideen: so müssen die Kinder etwa bei den „Holzwurmgeschichten“ den Holzwurm ausfindig machen, der sich durch die Holzblasinstrumente knabbern will und somit die Musik zu verstimmen droht.

    Junge mit Anastasia am Klavier
    Anastasia Reiber mit den Konzertbesuchern von Morgen am Klavier

    Die kreativen und einfallsreichen Programme begeistern auch schon Menschen außerhalb Münchens, so gibt der Verein mini.musik regelmäßig Gastspiele beim Rheingau Musikfestival, in Backnang, Heidenheim oder Ravensburg. mini.musik ist begehrt. Schon jetzt sind die Karten für die nächsten Konzerte ausverkauft. Am Sonntag, dem 17. Juni 2012 werde ich mit meinen beiden Kindergartenkindern das Programm „Klazwei, Kladrei, Klavier“ im Laimer Steinway-Haus live miterleben, wenn es nicht heißt: „Augen und Ohren auf, Mund zu“ sondern „Mund auf, mitgesungen und mitgemacht!“

    Kreativwettbewerb

    Und für alle Kinder und ihre Kind gebliebenen Eltern, die nicht mehr bis zum nächsten mini.musik-Konzert warten wollen, ist der Kreativbettbewerb, der anlässlich des Jubiläums veranstaltet wird, genau das Richtige: Denkt euch eine eigene kunterbunte mini.musik-Geschichte aus und schickt diese gemalt, gebastelt, gesungen, gespielt oder gefilmt ins Rennen. Es gibt Tolles zu gewinnen! Unter anderem Konzertbesuche bei mini.musik :-)

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    „Radikal sind wir alle nicht“ – ein kurzer Kommentar zum diesjährigen Münchner Festival junger Regisseure

    Mai 4th, 2012

    „Radikal sind wir alle nicht“ sagte damals der Theaterregisseur David Bösch, als er mit seiner Inszenierung „Port“ 2005 zum erstmalig stattfindenden Münchner Festival junger Regisseure eingeladen wurde. Dieses fast provokative Statement durchkreuzt zunächst die Erwartung vieler, die Jungen müssten alles Hergebrachte und Bestehende in einer Bewegung von Sturm und Drang niederreißen oder zumindest gefährlich in Frage stellen.

    Vom 23. bis zum 29. April fand nun „Radikal Jung“ bereits das 7. Mal statt und zog wieder viele interessierte Münchner, jung wie alt, ins Münchner Volkstheater. Alle wollten sie erfahren, was die Jugend bewegt und was sie zu erzählen hat. Zur Debatte stand dabei zwangsläufig immer wieder, was radikal jung denn sei und ob es sie überhaupt gibt, diese Generationsunterschiede bezüglich theatralen Formen und Themen. Vielleicht – so eine am Rande eines der vielen Publikumsgesprächen geäußerte These – sei es schon radikal, heutzutage als junger Mensch überhaupt Theater zu machen. Etwas an den Wurzeln (radikal leitet sich vom lateinischen radix “Wurzel“ ab) herausreißen: diese Absicht verfolgt erst einmal keiner der versammelten jungen Regisseure. Dennoch befinden sie sich durch die fortwährende, intensive Auseinandersetzung der eigenen Ideen, Gedanken und Fantasien mit den Mitwirkenden und einem literarischen oder dokumentarischen Text doch an den Wurzeln des eigenen Fühlens, Denkens und Zusammenlebens. Diese Wurzel, diesen sinnsuchenden sowie sinngebenden menschlichen Zusammenhang wollen sie leben und bewahren. Dem menschlichen Grundbedürfnis, in einer Live-Situation Geschichten zu erzählen, sie zu hören und über sie nachzudenken, darüber waren sich alle einig, ist das Privileg und große Bedeutung des Theaters. Äußerst weise gedacht, diese jungen Radikalen!

    Die jungen Regisseure beim Abschlussgespräch, von links nach rechts: Christopher Rüping, Bastian Kraft, Jan Gehler, Moritz Schönecker und Csaba Polgár

    Dem Mythos „Jung, wild und radikal“ entsprechen also die diesjährigen jungen Regisseure auch nicht. Eher noch könnte dieses idealisierte Bild eines jungen Künstlers selbst eine einengende Erwartung bedeuten, die es radikal zu unterwandern gilt. In diese Richtung jedenfalls dachte die Jury- bestehend aus dem Theaterkritiker C. Bernd Sucher, der Schauspielerin Annette Paulmann und dem Dramaturgen Kilian Engels – gedacht haben, als sie Moritz Schöneckers Jenaer Inszenierung von Goethes „Urfaust“ zum Festival einlud. Sich als junger Regisseur an diesen Meilenstein der deutschen Literatur- und Theatergeschichte überhaupt heran gewagt zu haben, während alle anderen jungen Regisseure Romane dramatisieren, eigene Textlandschaften inszenieren oder Performances starten, bewertete sie als sehr mutig! Radikal ist also gerade das: einmal nicht alles neu erfinden, nicht offensichtlich jung und modern sein zu wollen? Der teils lustvolle teils begrenzende Umgang mit historischem Ballast war auf geistreiche Weise Dreh- und Angelpunkt Schöneckers Inszenierung. Ganz konkret standen hier altmodische neben modernen Möbeln, ernsthaft deklamierte, schwergewichtige Goethe-Sätze neben buntem Budenzauber und Videoinstallationen. In einem fragmentarischen Bühnenbild, das Stilbruch und scheinbare Willkürlichkeit zum Konzept erhob, zeigte der junge Regisseur anhand des allbekannten Faust-Stoffes, welch radikale Folgen der Ballast und die Fesseln der Erziehung, eigenen Biographie und unüberwindbaren Anschauungen zeitigen können.

    Wer bei radikal jungen Produktionen aber vor allem Politisches erwartet, der wurde nicht gänzlich enttäuscht, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum Einen öffneten die Juroren das Festival dieses Jahr erstmals auch ausländischen Produktionen die Tür: Eingeladen waren die Inszenierung „Korijalánusz“ des ungarischen Regisseurs und Schauspielers Csaba Polgár sowie „This is my Dad“ aus den Niederlanden (R.: Ilya den Boer). Gerade die Einladung der ungarischen Produktion sollte auch politische Zeichen setzen und die unter so mancher Fessel leidende ungarische Bevölkerung, insbesondere die Kulturschaffenden unterstützen.

    Die verstörendste und seinem Thema nach politischste Produktion allerdings war das Reenactment des Regisseurs und Gründers des „International Institute of Political MurderMilo Rau: „Hate Radio“ spielt in Originalkulisse mit Überlebenden die Radiosendung nach, die zum Genozid in Ruanda aufrief. Bar jedes künstlerischen, distanzierenden oder kommentierenden Zu- und Eingriffs gehen hier Hass- und Hetztiraden auf Sendung. Radikaler lässt sich die Nachahmung von Handlung, die Realität auf der Bühne kaum umsetzen. Sowohl der Kritikerpreis – vergeben von den jungen Kritikstudenten, die das Festival mit einem täglich erscheinenden Feuilleton begleiteten – als auch der Regiepreis – vergeben von den jungen Regiestudenten der „Radikal Jung“-Masterclass – ging wohl verdient an diese mutige und erschütternde Produktion.

    links: Preisträger der 1. Publikumspreises, Bastian Kraft; rechts: Preisträger des 2. Publikumspreises, Jan Gehler

    Den Publikumspreis gewann allerdings Bastian Krafts „Felix Krull“, eine Inszenierung nach dem Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann. Die Lüge und absichtliche Täuschung wird hier gleich von drei Felix Krulls vorgeführt, ganz nach dem Motto: Wer wickelt das Publikum am besten um den Finger? Das lustvolle Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, das Aufrichten und Zerbrechen von Identitäten und Figuren, die Verführung zum Vertrauen sowie die geistreiche Irritation des Glaubens stellt die aufregende Grundsituation des Theaters. In Krafts „Felix Krull“ wird sie zum Theaterstoff und begeisterte die Zuschauer. Der 32-Jährige, der bereits 2010 mit seiner Inszenierung Franz Kafkas “Amerika” den Publikumspreis gewann, resümierte bei seiner kleinen Ansprache: „Felix Krull braucht das Publikum, so wie wir (die Regisseure) auch.“ So geht das 7. Festival junger Regisseure erfolgreich mit der Besinnung auf die Wurzeln des Theaters zu Ende.

    Übrigens: Wer Lust bekommen hat, sich auf der Grenze zwischen Realität und Fiktion weiterhin unterhalten und verunsichern zu lassen, dem sei das am 2. Mai gestartete Internationale Dokumentarfestival München, das DOK.fest ans Herz gelegt. Dieses Jahr gibt es neu die Reiche „DOK.ficition“, in der die Verschmelzung von „dokumentarisch“ und „fiktiv“ weiter voran getrieben wird.

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