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Es wird Frühling – München geht stiften!
14 März 2013 7:45 AM | Noch keine Kommentare -
“Man wächst letztlich an sich selbst” – Teil zwei des Interviews mit Jakob Spahn
07 März 2013 4:27 PM | Noch keine Kommentare -
Streichinstrumente und Bögen zum Anfassen
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Rückblick: Antigone von Sophokles im Johannissaal
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Amore! Die schönsten Liebesarien zum Valentinstag
07 Februar 2013 11:04 AM | Noch keine Kommentare -
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Vivaldi verheißt den Frühlingsanfang
12 März 2010 11:39 AM | Noch keine Kommentare -
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23 April 2013 9:34 AM | 1 Comment -
Alles nur geklaut? – Starpianist Felix Reuter im Interview
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Leinwandleidenschaften: Vorhang auf für Münchner Kinos
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Teatime bei Rolls-Royce
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Die Konzert-Revolution
28 März 2013 4:53 PM | 1 Comment -
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07 März 2013 4:27 PM | Noch keine Kommentare
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Kulturreferent Küppers bis Mitte 2019 wiedergewählt
Januar 24th, 2013In seiner Sitzung vom 23.1.13 hat der Stadtrat der Landeshauptstadt München mit sehr großer Mehrheit den amtierenden Kulturreferenten Dr. Hans-Georg Küppers für eine weitere Amtszeit von sechs Jahren ab Juli 2013 gewählt.
Seit Juli 2007 hat Dr. Hans-Georg Küppers das kulturelle Leben der bayerischen Landeshauptstadt geprägt. Wichtige Personalentscheidungen, die auch immer kulturpolitische Richtungsentscheidungen sind, wurden durch ihn veranlasst. Dazu zählen u.a. der Intendant der Münchner Kammerspiele Johan Simons, die Chefdirigenten der Münchner Philharmoniker Lorin Maazel und Valery Gergiev, die Besetzung des Lenbachhauses mit Matthias Mühling oder die künstlerische Leitung der Biennale – Internationales Festival für neues Musiktheater durch Manos Tsangaris und Daniel Ott.
Der Ausbau der kulturellen Infrastruktur als eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Kunst und Kultur wurde ebenso nach vorne getrieben wie die Konzeption und Umsetzung neuer kultureller Formate. Beispielhaft hierfür stehen die Erweiterung des Lenbachhauses oder der Neubau des Museumsdepots, die Stadtteilkulturzentren in Neuhausen und im Hasenbergl, das Atelierhaus in der Domagkstraße oder die Schaffung von bezahlbarem Arbeitsraum für Kunst- und Kreativschaffende u.a. im künftigen Kreativquartier. Festivals wie das Tanz- und Theaterfestival Rodeo , das Literaturfest oder das Klangfest der Münchner Musiklabels entstanden in dieser Zeit.
Küppers hat Bereiche wie Stadtteilkultur, Interkultur und internationale Kulturarbeit ebenso nachhaltig gefördert wie die freie Szene. Kulturelle Bildung und Kreativwirtschaft wurden zu Querschnittsthemen sowohl in der Verwaltung als auch in der Stadtgesellschaft. Kultur ist für ihn wesentlicher Bestandteil städtischer Urbanität und eine unverzichtbare Investition in die geistige Infrastruktur einer Stadt.
Der geborene Oberhausener studierte Germanistik, Philosophie und Pädagogik. Er war 1983 bis 1985 Lehrbeauftragter für Germanistik an der Universität Siegen, von 1985 bis 1989 Fachbereichsleiter Kulturelle Bildung an der Volkshochschule Oberhausen und von 1989 bis 1996 Leiter des Kulturamtes der Stadt Mülheim an der Ruhr. Von 1997 bis 1998 war er Referatsleiter für Regionale Kulturpolitik im Ministerium für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen und von November 1998 bis Juni 2006 Dezernent für Kultur, Bildung und Wissenschaft der Stadt Bochum. Seit Juli 2007 ist er Kulturreferent der Landeshauptstadt München. Er ist Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages.
Quelle “Kulturreferat der Landeshauptstadt München”
Kreative.Kultur.Kompetenz – Datenbericht zur Kultur- und Kreativwirtschaft in der Metropolregion München
November 15th, 2012Metropolregion München – “Starke Kultur- und Kreativwirtschaft“
Aktuelle Studie attestiert Metropolregion München führende Position in
der Kultur- und Kreativbranche
OB Christian Ude und weitere Akteure der Metropolregion präsentierten
Studienergebnisse im Münchener Rathaus.
München – Am Donnerstag, 15. November 2012, präsentierte die Metropolregion
München die Ergebnisse einer umfassenden Untersuchung zur Kultur- und
Kreativwirtschaft in der Region erstmals der Öffentlichkeit. Diese sind mehr als
erfreulich: Die in der Metropolregion ansässige Branche nimmt im deutschland- und europaweiten Vergleich eine herausragende Stellung ein. So ist die Metropolregion München laut der neusten Studie als einzige deutsche Destination bzgl. Anzahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten unter den TOP 10 Standorte der Creative & Cultural Industries in Europa zu finden.
117.000 Erwerbstätige sind in ihr beschäftigt, sie umfasst 29.000 Unternehmen mit 20 Milliarden Euro Jahresumsatz. Damit sind 10 Prozent aller Unternehmen, 5 Prozent aller Erwerbstätigen und 4 Prozent des Gesamtumsatzes in der Metropolregion der Kultur- und Kreativwirtschaft zuzurechnen.
Besonders bemerkenswert: Die Kultur- und Kreativwirtschaft der Metropolregion München steuert einen Anteil von 14,4 Prozent zur gesamtdeutschen Kultur- und Kreativwirtschaft bei.
Die Studie wurde von der Arbeitsgruppe Kultur und Sport der Europäischen Metropolregion
München (EMM) initiiert und mit Unterstützung des Kulturreferats sowie des Referats für Arbeit und Wirtschaft der Landeshauptstadt München, des FilmFernsehFonds Bayern sowie der IHK für München und Oberbayern beauftragt. Nun haben die Ergebnisse der Untersuchung in ihrer Deutlichkeit die Erwartungen der Initiatoren und Fachleute sogar übertroffen.
Auf der Pressekonferenz im Münchner Rathaus konstatierte Christian Ude, der
Vorstandsvorsitzende der Metropolregion München: „Das Ergebnis der Studie ist so
beeindruckend wie erfreulich. Es handelt sich um eine wirtschaftliche Erfolgsstory, die in der
Metropolregion gemeinsam geschrieben wird. Die Zahl der Unternehmen, der Umsatz und die
Erwerbstätigkeit entfallen zu nahezu gleichen Teilen auf Metropole und Region. Die beständige
2/3 Erneuerung ist ein wesentliches Merkmal der Kultur- und Kreativwirtschaft. Ziel ist, dass
weiterhin möglichst viele kreative Menschen in der Metropolregion München ihr Unternehmen
gründen. Denn nur durch neue Ideen, die ihre wirtschaftliche Umsetzung finden, kann die Zahl
und Vielfalt an Kultur- und Kreativunternehmen erhalten bleiben.“
Einen interessanten Aspekt sprach der Verfasser der Studie Michael Söndermann, Büro für
Kulturwirtschaftsforschung Köln, an:
„Die Kultur- und Kreativwirtschaft der Metropolregion München ist eine der stärksten Europas. Zugleich ist die Region bekanntermaßen ein starker Industriestandort. Diese Kombination steht in einem interessanten Gegensatz zur weit verbreiteten These, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft erst dort entstanden sei, wo die industrielle Basis nicht mehr stark war oder weggebrochen sei. Die EMM beweist eindrucksvoll das genaue Gegenteil.“
Bereits vor ihrer Veröffentlichung betonte Prof. Dr. Klaus Schäfer, Geschäftsführer des
FilmFernsehFonds Bayern, die Relevanz der Studienergebnisse: „Der FFF hat die Studie
gefördert, weil bisher zuverlässiges und belastbares Zahlenmaterial zum Film- und
Medienstandort Metropolregion München fehlt.“ Die umfangreichen Daten der Studie dürften
dem nun Abhilfe geschaffen haben.
Peter Kammerer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK für München und
Oberbayern, verwies auf die gute Mischung innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft: „Der
gesunde Mix aus kleinen, mittleren und großen Betrieben, aus klassischen,
kulturwirtschaftlichen Betrieben und innovationsgetriebener Kreativwirtschaft ist ein stabiler
Erfolgsfaktor. Dieser Mix hat sich im Übrigen in der gesamten Wirtschaft der Metropolregion als
Stabilitätsfaktor erwiesen. So erholt sich die Region aller Erfahrung nach gerade auf Grund
dieses Faktors meist schneller als andere Regionen von Wirtschaftskrisen.”
Auch Anja Wilde, Geschäftsführerin der Europäischen Metropolregion München e.V., zog
ein sehr positives Fazit der Kooperation: „Ich bin sehr froh, dass wir das wichtige Thema der
Kultur- und Kreativwirtschaft aufgreifen konnten und die positive Einschätzung dieser Branche
in der Metropolregion nun mit tragfähigen Zahlen unterfüttert wurde. Dieses Projekt ist ein gutes
Beispiel für die Netzwerkarbeit, die der Verein leistet.”
Dieser Gedanke wurde dann am 15.11.12 in einer stark besuchten Workshopveranstaltung in der Münchner HALLE 6 – Dachauerstr. in München weiter fortgesetzt, bei der über 150 Akteure aus der Metropolregion sowie aus der Kultur- und Kreativwirtschaft über Auswirkungen dieser neuen Erhebung diskutierten.
Klar wurde: diese Branche kann selbstbewusst in die Zukunft blicken und schafft für die Stadt München und die gesamte Region Anlass, neu über die Vermarktungs-Strategien nachzudenken.
Offensichtlich ist München mit Umland mehr als Oktoberfest, Biergarten, BMW und FC Bayern. Die Kreativen und Kulturschaffenden bilden eine interessante Alternative auch für einen zukunftsgewandten touristischen Vermarktungsansatz.
Der neue Datenbericht ist zum download erhältlich unter: www.metropolregion-muenchen.eu/kuk
Beaumarchais – Vorlage zu Le nozze di figaro
Oktober 2nd, 2012Pierre Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799)
In einer von der Kirche und der Religion dominierten Gesellschaft wie dem Mittelalter oder auch der frühen Neuzeit, die Jungfräulichkeit als hohes Gut verehrte wäre ein „Recht der ersten Nacht völlig undenkbar gewesen. Auch das im 16. Jahrhundert veröffentlichten Werk des schottische Historikers Hector Boece, dass dem Feudalherren ein „Herrenrecht“, auf die Hochzeitsnacht, entpuppt sich als Fiktion: Boece bezieht sich in seiner Schrift auf ein Dekret von König Evenus III – den es allerdings nie gegeben hat. Dennoch ging von Schottland der entscheidende Impuls aus, dass das Motiv im Laufe der Neuzeit von einer ganzen Reihe von Schriftstellern aufgegriffen und publikumswirksam weiterverbreitet wurde. Zu den bekanntesten Beispielen zählen „Wilhelm Tell“, in dem Friedrich Schiller 1804 die Anschuldigung aufgreift und natürlich die Komödie von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, die Wolfgang Amadeus Mozart 1786 als Vorlage für seine Oper „Le Nozze di Figaro“ diente.
Der Uhrmachersohn Caron, der sich seinen Adelsnamen de Beaumarchais 1756 durch Heirat erkaufte, führte ein abenteuerliches und widerspruchsvolles Leben. Dank einer großen Begabung stieg er bis in die höchsten Kreise um Ludwig XV auf und wurde später Geheimagent und Waffenhändler. Ab 1770 wurde er in eine Serie von Prozessen verwickelt, die ihn einerseits vorübergehend ins Gefängnis brachten und Vermögen und Ehre kosteten, ihn andererseits aber auf einen Schlag berühmt machten; und zwar dank einiger unerschrockener Abhandlungen über die Machenschaften der korrupten Gerichtsbarkeit, die er im Rahmen der Prozesse verfasste. Mit diesen Mémoires à consulter zeigte er sich als wortgewaltigster Polemiker seit Voltaire und gewann die Bewunderung des gesamten gebildeten Europas, insbesondere Goethes, sowie die Beliebtheit des Volkes.
Beaumarchais‘ Ehrgeiz richtete sich zunehmend auf seine literarische Berufung. Er erstrebte nichts Geringeres als die Nachfolge Molières und Diderots anzutreten und betätigte sich als Dramatiker und Dramentheoretiker. In ersten kleinen Stücken und Sketchen in der Tradition der Commedia dell’arte, die er für ein Privattheater verfasste, übte er sich bereits in jener Mischung aus Wortwitz, Sexualkomik und Zeitkritik, die er in seinen beiden äußert erfolgreichen Hauptwerken „Der Barbier von Sevilla und Die nutzlose Vorsicht“ (1784) und „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ (1784) meisterlich weiterentwickelte. In ihnen wandte er sich, nachdem er zuvor mit den Dramen „Eugenie“ (UA 1767) und „Die beiden Freunde“ (1770) wenig Erfolg hatte, gesellschaftlichen Themen in Form der Intrigenkomödie zu.
Hinter den verwickelten Liebesaffären wird der Widerstand des Dritten Standes, also der Bauern und Bürger, gegen die Privilegien des Adels gezeigt und geschürt, weswegen „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ erst nach mehrjähriger Zensur seine Uraufführung erlebte. Mit „Die Schuld der Mutter oder Ein zweiter Tartuffe“ vervollständigte Beaumarchais 1792 seine Trilogie um den Grafen Almaviva und seinen schlauen Diener Figaro. Letzterer stellt eine Art Alter Ego seines Schöpfers dar. Figaro („Fils Caron“) ist ein vielseitiger Abenteurer, der sich mit Intelligenz und Witz den adeligen Gegenspielern entgegen stellt, die Verhältnisse nicht umkehrt, aber sie zu seinen Gunsten benutzt. So trat auch Beaumarchais stets als aufklärerischer Streiter für Gerechtigkeit und gegen die Willkür der Herrschenden sowie als Befürworter der Französischen Revolution auf und stand gleichzeitig in der Gunst des Königs und engagierte sich in Adels-Ämtern. 1792 musste er, der sich in dieser Ambivalenz eingerichtet hatte, als erklärter Feind der Revolution ins Ausland fliehen. Nach Aufenthalten in Hamburg, London und der Schweiz kehrte er drei Jahre vor seinem Tod verarmt nach Paris zurück.
5.10. / 6.10. / 7.10.12 Le nozze di figaro – Cuvilliés Theater München
Herbert Rosendorfer gestorben
September 21st, 2012Der Amtsrichter a.D. und Münchner Schriftsteller Herbert Rosendorfer ist in Bozen gestorben.
1934 in Bozen geboren, kam Herbert Rosendorfer im Kindesalter nach München und beschloss seinen Lebensabend seit 1997 in seiner alten südtiroler Heimat in Eppan. Hier schuf er sich ein Refugium mit großzügigem – von ihm sehr geliebten und gepflegten – Garten.
Er studierte zunächst Bühnenbildnerei, entschied sich dann aber für Jura und begann nach dem 2. Staatsexamen 1963 als Gerichtsassessor in Bayreuth bis er 1967 zum Amtsrichter in München ernannt wurde. Am Oberlandesgerichtshof Naumburg wirkte er als Richter von 1993 bis zu seiner Pensionierung 1997. Parallel dazu hatte er ab 1990 eine Honorarprofessur für Bayerische Gegenwartsliteratur in München inne.
Der Jurist Herbert Rosendorfer hatte eine Basis geschaffen, seinem Erzählerdrang als Schriftsteller nachgehen zu können und verfasste nach Feierabend kluge, ein- und weitsichtige Romane, Essays – überwiegend feine und humorvolle Werke, die regelmäßig seine münchner Heimat, aber auch seine Juristerei-Kollegen in den Mittelpunkt rückten. Warum er, wie viele seiner Berufskollegen in doppelter Hinsicht, es seien stellvertretend E.T.A. Hoffmann, Kafka, aus heutiger Zeit Bernhard Schlink und Peter Handke genannt, schreiben „muss“, beantwortete Rosendorfer so: “Die Juristerei ist neutral und fordert nicht den ganzen Menschen. Herz und Seele sind noch frei und die Gerechtigkeitssehnsucht, wohl enttäuscht von der Realität, kann sich zumindest in Büchern ausbreiten.”
Rosendorfer war enorm produktiv, für sein Schaffen, das Gedichte, Romane, Theaterstücke, Hörspiele und Drehbücher einschließt, ist er mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet worden. Das Buch „Der Ruinenbaumeister“ machte 1969 auf ihn aufmerksam, die „Briefe in die Chinesische Vergangenheit“ verkauften sich millionenfach und wurden sein wohl größter Erfolg.
Mit spitzer Feder machte er uns in „Bayreuth für Anfänger“ mit den Gepflogenheiten rund um die Festspiele vertraut. Kenntnisreich und amüsant schrieb Rosendorfer über Richard Wagner und dessen Musik in „Wagner für Fortgeschrittene“.
Eines seiner witzigsten und satirischsten Werke ist der virtuose Roman “Deutsche Suite”, in dem er der bayerischen Herrschafts-Elite – zeitlich nach 1918 angesetzt – sehr komisch und herausragend pointiert aufs Maul und in ihre verlogenen Sehnsüchte schaut.
Beliebt waren auch seine Lesungen, immer wieder konnten ihn die Münchner zum Beispiel bei den Münchner Residenzkonzerten oder im Rahmen der Nymphenburger Schlosskonzerte erleben.
Nun ist Rosendorfer nach langer Krankheit in seiner Heimat am Donnerstag gestorben.
Der Kulturinfarkt – Interview mit den Autoren Teil 6
Juni 20th, 2012
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KM: Ein Zukunftsthema, das gerade in der Kultur- und Kreativwirtschaft eine große Triebkraft entfaltet, ist die Digitalisierung. Der öffentliche Kulturbereich tut sich hier jedoch erkennbar schwer. Offenkundig fremdelt man noch immer mit Technik und neuen Medien. Wie kann man das lösen?
Autorenteam: Man kann es zumindest nicht lösen, indem man mehr Bildschirme in die Theater baut. Theater ist eine Live-Kunst. Doch das Medium Theater hat seine Reichweite erschöpft. Man kann die Leute nicht mit Gewalt ins Theater schleppen. Die Digitalisierung würde es einer jungen Generation von Kreativen ermöglichen, neue Produkte zu entwickeln, das uns als Konsument wiederum eine neue ästhetische Erfahrung ermöglicht.
Wenn man die verschiedenen kulturwirtschaftlichen Branchen, die ja gleich den Kultursparten sind, daraufhin betrachtet, was sich an ihnen durch die Digitalisierung ändert, dann ist das fast überall radikal unterschiedlich und extrem tiefgreifend in den ästhetischen wie den wirtschaftlichen Veränderungen. Arbeiten wir weiter mit den alten Institutionen, dann werden sich diese Institutionen diesen Veränderungen zu entziehen versuchen und werden nicht etwas haben, was dazu führt, dass das angenommen wird. Angenommen wird und durchsetzen wird sich das nur in privatwirtschaftlichen Zusammenhängen. Insofern wird Digitalisierung für die öffentlichen Kulturbetriebe ein riesiges Thema sein. Wenn sie das verschlafen, dann sehen sie am Morgen danach noch älter aus.
Digitalisierung beschränkt sich ja nicht auf die technische Dimension, dass ich also z.B. Filme auf dem Handy sehen kann. Es bedeutet einen anderen Umgang miteinander, gerade in Bezug auf Social Media, der großen Wolke, die im Raum schwebt. Alle sind darin und niemand weiß genau, wie es funktioniert. Sie implizieren eine andere Art Beziehung zueinander, dass man sich global mit Freunden oder vermeintlichen Freunden austauscht, ohne auf vermittelnde Apparate wie das Fernsehen oder auch Museen und Theater angewiesen zu sein. Es gibt ein Leben neben den Institutionen. Das ist auch der Ansatz im Buch: auf diese Entwicklung muss sich Kulturpolitik vorbereiten. Wir können nicht weiter in institutioneller Weise bauen, wenn eine große Mehrheit der Leute nicht mehr in diese Bauten kommen. Die Bauten erheben einen sozialen Anspruch, wie progressiv man auch immer sein möge, dem sich die neue Generation entziehen will. Was entstehen dort für ästhetische Produkte, wie verbreiten sich darüber kulturelle Werte?
KM: Kommen wir abschließend zu den Adressaten des Buches und dem, was Sie verändern wollen. Von wem erhoffen Sie sich die Veränderungen?
Autorenteam: Die Veränderung muss dort passieren, wo über kulturpolitische Gestaltung und Etats entschieden wird. Die Diskussion muss und wird stattfinden in den Kommunen, auf der Ebene der Bundesländer, in der Bundeskulturpolitik, in den Initiativen und der Freien Szene. Dass es jetzt erste Ansätze und Erscheinungen gibt, dass sich politische Parteien für den “Kulturinfarkt” interessieren, ist ein Zeichen genau dafür, dass dort verstanden wurde, von wo Veränderungen eingeleitet werden müssen. Nicht erwarten können wir, dass die Verbände der alten Kultur den Veränderungsprozess in irgendeiner Weise befördern werden, dazu sind diese Verbände mit ihren Interessen zu sehr an den status quo gebunden. Und wo solche Interessen am status quo dominieren, hilft das nicht, in die Zukunft zu denken.
Wir könnten uns vorstellen, dass durchaus Institutionen an diesem Prozess mitwirken, indem sie sagen, sie möchten aus der staatlichen Obhut entlassen werden, sie wollen sich verselbstständigen, um mehr unternehmerische Freiheit im Sinne des exzellenten Kulturbetriebs gewinnen. Wir können nicht länger in dieser Form gefangen bleiben.
Sie haben ja selbst jüngst im KM Magazin kommentiert, es müsse endlich eine kulturpolitische Debatte geben. Wir selbst haben uns damals natürlich zurückgehalten aufgrund des bevorstehenden Buchs. Jetzt ist die Debatte da, und es kann sich ihr niemand entziehen. Überall ist vom Kulturinfarkt die Rede. Der Begriff ist ein Katalysator, an dem man nicht mehr vorbeikommt. Wer jetzt auf die Straße geht und für mehr Geld für die Kultur demonstriert, dem wird man den Kulturinfarkt entgegenhalten. Damit ist unser Ziel erreicht.
KM: Noch eine provozierende Frage: Sie waren selbst alle mehr oder weniger als Ausbilder tätig. Inwieweit schlägt Ihre Kritik am System nicht auf sie selbst zurück – als Teil des Systems?
Autorenteam: Wir mussten auch zu viert zusammenkommen, um es auf den Punkt zu bringen… Entscheidend ist der Begriff der Wahrhaftigkeit. Wir “alten Männer” haben es selbst einfach nicht mehr länger ausgehalten, das ewig gleiche Spiel weiterzuspielen: Staat, gib‘ mehr Geld und alle Probleme sind gelöst. Die Harley musste noch mal raus. Jetzt geht es uns besser. Sollen andere weiter streiten – wir sind dabei, wenn wir sehen, dass das weiterhilft. Jetzt sind die Themen so in der Welt, dass sie nicht mehr ignoriert werden können.
+++++
Rezension des Buchs: www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Hinweis: Wie die Zukunft des öffentlichen Kulturbetriebs und dessen Förderung nach dem Buch aussehen könnte, darauf geht der Schwerpunkt in der Juniausgabe des KM Magazins ein.
Der Kulturinfarkt – Interview mit den Autoren Teil 5
Juni 5th, 2012
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Wir wissen, dass viele Künstler in prekären Verhältnissen leben, die umso mehr auf Aufträge oder Engagements angewiesen sind, die im Umfeld öffentlicher Kulturbetriebe entstehen. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang die Künstlersozialversicherung als besondere Form staatlicher Kulturförderung?
Autorenteam: Die Künstlersozialversicherung ist entstanden im Zusammenhang eines vor etwa 30 Jahren veröffentlichten Reports von Karla Fohrbeck und Andreas Wiesand, der die soziale Lage der Künstler in Deutschland verdeutlichte. Daraufhin wurde beschlossen, dass man nach dem Muster der alten Sozialversicherung eine Ersatzversicherung nur für Künstler einrichtet. Inzwischen ist die KSK ein wesentliches Instrument für viele Leute, die in den Szenen arbeiten, um ihre Krankenversicherung abzusichern. Für die Rentenversicherung reicht es dann angesichts der niedrigen Beiträge schon nicht mehr. Das ist die Lage. Die Fehler sind erstens, dass sie neu entstehende Kulturberufe nicht einschließt, ja sogar abwehrt, zweitens in ihrer ordnungspolitischen Logik Selbstständige und Freiberufler quasi zu Angestellten macht. Die soziale Absicherung gerade von Selbstständigen mit niedrigem Einkommen ist nicht Sache der Künstlersozialkasse, sondern muss vielmehr eine allgemeine sozialpolitische Aufgabe sein. Als das im Wirtschaftsministerium vor hohen Funktionären angesprochen wurde, das eine solcher Untersuchung über die Lage der Künstler wie damals nun 30 Jahre später erneut durchgeführt werden müsste, wurde gesagt, das würde nicht finanziert, denn die sozialpolitischen Debatten aus den Ergebnissen einer solchen Studie wollen wir so nicht führen. Daraus eine Aufgabe abzuleiten, dass jeder Künstler eine staatliche Unterstützung haben müsste, ist abenteuerlich.
Ob der Künstler entweder über die Kultursubventionen oder die Arbeitslosenversicherung finanziert wird, macht keinen Unterschied. Das hat mit Kunstproduktion nichts mehr zu tun. Das Buch versucht zumindestens in Ansätzen eine Alternative aufzuzeigen. Es stellt beispielsweise die Frage, warum wir alle nur amerikanischen Filme anschauen oder in Japan hergestellte Games spielen. Wieso gibt es hier keine Industrie, die fähig ist, konkurrenzfähige Kulturprodukte auf den Markt zu bringen? Da würde auch Arbeitsplätze entstehen und nicht Kulturschaffende auf Lebenszeit von Subventionierungen abhängig sein. Dafür braucht es Förderungen, die entsprechende Existenzgründungen anschieben, die sich später auf diesen globalen Märkten behaupten können. Das ist das Thema der Kulturindustrie, wo Europa noch nicht ausreichend vertreten ist. Man redet zwar davon, die EU schreibt sich das auf die Fahnen. Doch in Deutschland und der Schweiz wird man bei solchen Forderungen gefragt, ob man auch noch die Popmusik-Veranstalter fördern wolle. Es werden an den Kunsthochschulen so viele intelligente Menschen ausgebildet, die mit interessanten Ideen herauskommen. Sie bekommen dann etwas Projektgelder hier, etwas Projektgelder dort, und stellen später fest, dass Taxifahren doch einträglicher ist als Kunst. Warum gibt es keine Projektgelder, die solche Ideen auffangen und es gemeinsam zu marktfähigen künstlerischen, kulturellen Produkten weiter zu entwickeln?
KMN: Ist das nicht ein Widerpruch, wenn sie gleichzeitig kritisieren, dass jedermann nach dem Staat ruft? Nun ist ohne ihn auch in der Kultur- und Kreativwirtschaft nichts möglich.
Autorenteam: Für uns ist das jetzt der Ort, wo sich der Staat jetzt engagieren müsste, eben nicht auf Lebenszeit und Institutionen baut, die wir dann jahrzehntelang unterhalten müssen, sondern vielmehr Gründermodelle finanzieren. Diejenigen, die dafür sorgen, dass mein Wohnzimmer zur Oper wird, dass auf meinem Kopfkissen Kunst stattfindet, sind doch die interessanten Leute. Die Produkte schaffen, die meinen Kulturkonsum nähren.
Es gibt ein Phänomen in der kulturwirtschaftlichen Finanzierung, das durch die klassische Finanzierung nicht abgedeckt ist. Das ist das künstlerische Projekt, das eine andere Risikostruktur besitzt als eine Schraubenfabrik oder Einzelhandelsgeschäfte. Sie müssen Kredite auf symbolische Werte bekommen. Das ist in den skandinavischen Ländern vorbildhaft gelöst.
Die Wirtschaft ist da nicht immer eine Hilfe. Eine Sponsoringabteilung in einer Schweizer Bank förderte beispielsweise junges Design. Als die Designer aber mit dem Wunsch auf die Banker zukamen, eine eigene Firma gründen zu wollen, stießen sie auf Ablehnung. Wenn selbst der Wirtschaft dieses Risiko zu groß ist, muss wenigstens der Staat sagen: das ist unser Geschäft, hier zu helfen. Es gab beispielsweise Coaching für junge Theatertruppen, die ein Jahr begleitet und weitergebildet wurden. Ihnen wurde das nötige unternehmerische Rüstzeug vermittelt wie Marketing, Kommunikation, Kundenbindung. Das einzige, was sie mit ihnen nicht machen, ist die Stückauswahl. Das finden wir zukunftsträchtige Kulturförderung.
Es gibt dafür Ansätze wie z.B. in der Kulturwirtschaftsinitiative der Bundesregierung oder in der Kulturwirtschaftsförderung einzelner Bundesländer. Doch das, was in einem Gutachten für die Enquete-Kommission schon gefordert wurde, nämlich einen staatlich garantierten, revolvierenden Fonds, wurde überhaupt nicht angegangen.
Rezension des Buchs: www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Kommentar von Prof. Birgit Mandel: www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html
Der Kulturinfarkt – Interview mit den Autoren Teil 4
Mai 21st, 2012
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Wie sieht nun der Weg aus, über den wir zur kulturellen Grundversorgung einerseits, zu künstlerischer Exzellenz und besserer Auslastung der Häuser gelangen? Dafür braucht es Kriterien. Ist Qualität Ihr Kriterium, oder eine bestimmte infrastrukturelle Dichte? Eine Leuchtturmpolitik haben Sie gerade ausgeschlossen.
Autorenteam: Deutschland wie auch die Schweiz hat so viel kulturelles Potenzial in der Fläche, dass man eine bunte, schicke Kulturlandschaft daraus entwickeln kann. Möglicherweise ist es so, dass gerade in der Metropole der Subventionsbedarf hinsichtlich der kostspieligen Institutionen viel geringer ist, da das kulturelle Leben ohnehin dichter ist. Das hat sicher damit zu tun, dass viel mehr Menschen in Schulen und Universitäten gehen und interessante Berufe ausüben können und dies zu anderen Subventionsverhältnissen führt.
Das Handelsblatt hat dies in seiner Ausgabe vom 30.3. sehr schön durchgerechnet. In Metropolen passiert vieles auf Märkten, was sich in der Fläche kaum tragen kann. Die Diskussion wird kulturpolitisch doch in wesentlichen Teilen in den Kommunen stattfinden, weil sie Träger der meisten Angebote sind. Es muss dort eine unverstellte, vorurteilsfreie Diskussion darüber geführt werden, was man im Rahmen der Möglichkeiten tun und was man an Besonderheiten beitragen kann. Anstatt wir in jeder Kommune ein möglichst vollständiges Angebot vorhalten, kann es gerade in den sog. Metropolregionen nach entsprechender kulturpolitischer Abstimmung zu einem individuellen Angebot kommen, dass diese Besonderheiten in sich trägt. Die Panik, alles müsse bleiben wie es ist, hilft nicht.
In Ihrer Frage steckt auch ein Managementanteil. Es braucht in jeder Disziplin Leitinstitutionen, wo man beispielsweise sagt, der Begriff vom heutigen Theater funktioniert so. Damit stellen sich 3 Fragen: Müsste man diese Institution aus der staatlichen Obhut entlassen, subventionieren wir es als eigenständige, eigenverantwortliche Unternehmen, und trage ich dafür Sorge, dass sie einen vernünftigen Eigenfinanzierungsgrad erreichen? 14 % Eigenfinanzierung heißt doch entweder, die Publikumsbasis ist zu schwach oder es engagiert sich auch ökonomisch viel zu wenig für sein Haus. Nichts ist legitimer als 30 % Eigenfinanzierungsquto zu fordern. Theater, wenn es teuer ist, soll es auch teuer sein. Mit einer entsprechend teuren Eintrittskarte weiß auch das Publikum, was es bekommt und was es wert ist.
Eine kleine Anekdote dazu: im Staatstheater Karlsruhe wurde neulich Wolfgang Rihm gespielt, eine Textcollage von Hölderlin. Der Saal war etwa zu zwei Dritteln gefüllt. Nach der Pause sind davon zwei Drittel gegangen. Das ist dann nur noch Selbstbespiegelung! Was ökonomisch völlig verantwortungslos ist: sie haben 10 Schauspieler auf der Bühne und 20 Musiker im Orchestergraben. Das Publikum ist schreiend rausgegangen. Das kann sicherlich einmal passieren. Aber man darf es nicht zum Prinzip machen.
Thomas Steinfeld hat in der Süddeutschen kürzlich die richtige Frage gestellt: was hat mehr zur Durchsetzung zeitgenössischer Musik beigetragen: das Label ecm oder die Donaueschinger Musiktage? Und erst vor kurzem stand in der gleichen Zeitung ein Artikel unmittelbar unter dem zum Kulturinfarkt: »Corso-Verlag muss schließen«. Ein wunderbarer Verlag mit wunderbaren Büchern. Im Beitrag wird erinnert daran, dass andere Verlage wie Aufbau oder Eichborn schließen mussten. Alle sind sich einig darüber, dass das Produkt gut war. Aber die Ökonomie hat nicht gestimmt. Soll der Staat jetzt eine Auffanggesellschaft gründen, wie es bei Schlecker geplant war?
KMN: Kommen wir zurück auf die Ausgestaltung der kulturellen Landschaft, wie Sie sie sich wünschen. Es klang ein wenig der Gedanke der Umverteilung durch.
Autorenteam: Man kann sich sicherlich regional spezialisieren, anstatt das »Vollpaket« anzubieten und damit unter der Last ächzen. Angesichts der gestiegenen Mobilität ist es den Menschen auch durchaus zumutbar, wenn sie für den Opernbesuch einmal 70 km fahren müssen. Dafür haben sie vielleicht ein Museum vor Ort, das sich spezialisiert hat, das wiederum Leute von anderswo anzieht. Dennoch sollte man dies nicht ausschließlich in Institutionen denken. Die Entwicklung in der Schweiz ist so, dass man sich in der Fläche, wenn man sich profilieren will, ein Thema sucht, was mit der Region verbunden ist. Dann gründet man ein Festival, also etwas Ephemeres, was aufkommt und dann, wenn das Interesse daran schwindet, einfach nicht mehr stattfindet. Es wächst mit der Beteiligung der Bürger. Dabei sind die Künstler sehr professionell, gehören zu den Besten. Das Festival »Alpentöne« beispielsweise beschäftigt sich mit anspruchsvoller Musik aus dem Alpenraum. Auslöser waren zwei Entwicklungen, wie sie überall vorkommen können: nach dem Autobahnbau verlor die Kantonshauptstadt Altdorf ihre Rolle als Zwischenstation für den Durchreiseverkehr, die Übernachtungszahlen brachen entsprechend ein. Und dann schloss die Armee noch die Munitionsfabrik. Man erfand ein Festival, das für die eigene Bevölkerung konzipiert ist. Indem man dort also etwas für sich gemacht hat, ist die halbe Schweiz darauf aufmerksam geworden. Es ist keine aufwändige Infrastruktur nötig, die über das ganze Jahr hinweg unterhalten werden muss. Aller zwei Jahre im Sommer ist für 3 Tage Uris Kantonshauptstadt jedoch die Schweizer Musikhauptstadt, und sie bieten den Leuten vor Ort offenkundig so viel »Nahrung«, dass sie problemlos zwei Jahre davon leben können.
KMN: Hat bei Ihren Überlegungen der öffentliche Kulturauftrag noch eine Bedeutung?
Autorenteam: Diesen öffentlichen Auftrag gibt es in Deutschland allenfalls als Proklamation in 15 von 16 Landesverfassungen. Sie sind höchst unscharf, wenn sie lauten, wir unterstützen und fördern Bibliotheken, Volkshochschulen, Theater und Museen. Vom Grundgesetz ist diesbezüglich wenig abzuleiten. Es gibt einen Satz, der die Kunst, Lehre und Wissenschaft frei stellt, und einen anderen zum Kulturgutschutz, wo das kulturelle Erbe quasi vor der Abwanderung bewahrt werden soll. Das finden wir vollkommen ausreichend, wenngleich der Streit über ein Staatsziel Kultur noch nicht ausgefochten ist. Unser ordnungspolitische Ansatz hingegen, der die öffentlich-rechtlichen, meritorischen und privaten Interessen benennt, ist neu. Auf die Stellen im Buch, die Schnittstellen zur Bildung, zur Ausbildung, zum kulturellen Erbe oder zur Kulturwirtschaft berühren, ist man in der bisherigen Rezeption noch nicht eingangen.
Ein Bibliotheksverband aus Österreich meinte, das Buch hätte sie zur Fantasie angeregt. Und die Kunst hat ja die symbolische Kraft, einen zur Fantasie zu leiten. Umso mehr fragen wir uns, warum wir so staatsgläubig sind. Wir haben doch so eine bunte Landschaft, die wir nur zulassen müssen. Eine Studentin initiiert mit europäischen Strukturmitteln ein Projekt im Westerwald. Sie stellt ihr Projekt – ein Musikmuseum – dem Staatssekretär in Wiesbaden, vor. Er sagte: »Ich kann ihnen aber kein Geld geben«, worauf die Studentin entgegnete, sie wolle kein Geld, da sie bereits Stifter und Sponsoren habe, sondern ihm das Projekt lediglich vorstellen.
Wir haben in der Bundesrepublik doch viele solcher Beispiele. Nehmen Sie das Festspielhaus Baden-Baden, ein wunderbares Programm, 30 Mill. Euro Etat, die sich selbst finanzieren. Wir haben das Städel-Museum Frankfurt, betriebswirtschaftlich hervorragend gesteuert von einem Kulturmanager und Kulturwissenschaftler, verankert seit der Gründung durch ein bürgerschaftliches Engagement. Wir müssen das nur zulassen. In der Kultur gibt es so einen Hass auf Ökonomie und Markt nach dem Motto: Was gefällt, hat schon verloren.
Wir legen dazu noch ein ökonomisches Argument drauf. Der große Teil unseres kulturellen Erbes wird meritorisch gefördert. Wenn wir diese Förderung unter den ökonomischen Umständen betrachten, auf die Gründe, Mittel und Ziele sowie die Wirkung auf die Märkte schauen, in denen sie stattfinden, können wir auf viel entspanntere Weise über kulturökonomische Zusammenhänge, über die öffentliche Kulturförderung und den öffentlichen Kulturauftrag diskutieren.
Die Frage nach dem öffentlichen Kulturauftrag führt schnell zum ersten groben Missverständnis, das Kultur nur entsteht unter öffentlicher Beihilfe. Das kann es ja wohl nicht sein. Julian Schütt schreibt in der ZEIT, wir wollten die Kultur abschaffen. Das kann man ja gar nicht. Es gibt die Kultur, die einfach da ist. Wir alle leben in einer Kulturnation, ohne das der Staat bereits den Finger rühren würde. Die Frage ist vielmehr, was der Staat mit seinen Eingriffen erreichen möchte. Soll er bestimmte Traditionen besonders pflegen, weil sie uns wichtig sind, oder geht es darum, die Bürgerschaft zu zivilisieren, so wie es die Franzosen verstehen, wenn sie über Kulturpolitik reden. Geht es um allgemeine Bildung, oder darum, gewissermaßen die »kollektiven Emotionen zu bewirtschaften«. Das sind sehr unterschiedliche Aspekte.
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Rezension des Buchs
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Kommentar von Prof. Birgit Mandel:
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html
Das Interview führte Dirk Heinze, Kulturmanagement Network
10.05.2012, Dirk Heinze
Der Kulturinfarkt – Interview mit den Autoren Teil 3
Mai 10th, 2012
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Sie schreiben davon, dass der Aufbau der Kulturlandschaft, so wie wir sie heute kennen, planlos stattgefunden hat. Was meinen Sie damit? Kann man denn überhaupt die Entstehung von Kunst, kann man Kulturentwicklung planen?
Autorenteam: Wie sich Kunst entwickelt, kann natürlich niemand planen. Wenn es um den Kulturbetrieb geht, ist eins sicher: der Auf- und Ausbau seit 1970 geschah auf Zuruf und politisch im Huckepack-Verfahren mit der Bildungsdebatte. Diese Debatte begann Mitte der 60er Jahre, wurde parlamentarisch abgesichert, also legislativ bearbeitet. Die Kultur fuhr im Rucksack mit. Bis zur Enquete-Kommission gab es keine einzige parlamentarische Debatte über die Kultur auf Bundesebene. Es gab verschiedene Ansätze in den Kommunen, mit den Haushaltsschwierigkeiten von 1990ff. fertigzuwerden. Es gab dann 2008 bei der Lehman-Pleite eine gewisse Panik auf Länder- und kommunaler Ebene. Mehr gab es nicht. Der schlechte Trainingszustand, den wir gerade in der Argumentation bei den Zimmermännern & Co. beklagen, der rührt genau daher.
Der Aufbauprozess geschah auf Zuruf. Wenn Hilmar Hoffmann ein Museum in Frankfurt nicht mehr gefallen hatte, hat er nicht etwa mit den Leuten dort über mögliche Veränderungen geredet, sondern er hat einfach ein neues Museum gegründet. Auf diese Weise ist der unkoordinierte Aufwuchs entstanden.
Lassen Sie uns einige Beispiele geben: Wir hatten bis weit in die 90er Jahre im Musikschulbereich im wesentlich über die kommunalen Musikschulen berichtet, die im VDM zusammengeschlossen sind. Interessanterweise wird dieser Markt inzwischen zunehmend auch von privaten Trägern erschlossen. Es gibt mittlerweile fast so viele private wie öffentliche Musikschulen, mit dem wesentlichen Unterschied, dass die öffentlichen Musikschulen vom Staat finanziert werden und die privaten nichts bekommen. Angesichts der Finanznot könnten sich die Gemeinden jetzt überlegen, den Auftrag für Musikunterricht öffentlich auszuschreiben. Der, der es qualitativen Standards zufolge am besten und günstigsten macht, der kriegt den Zuschlag.
Zweites Beispiel Vereinigung. Die alte Bundesrepublik hatte 80 Theater und 60 Mill. Einwohner. Die DDR hatte 13 Millionen Einwohner, aber auch 80 Theater. Dass da eine gewisse Konsolidierung stattfinden musste, war klar – aber diese Diskussion ist nicht offen, sondern immer defensiv geführt worden. Weimars ehemaliger Kulturreferent Lutz Vogel sagte mir einmal, wenn wir Suhl noch das Sinfonieorchester wegnehmen, haben die gar nichts mehr. Aber er wusste, dass man in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern fast kein Publikum hatte. Gleichzeitig konnte das Orchester schlecht auf Tournee gehen, denn in fast allen anderen Thüringischen Städten gab es ebenfalls eigene Ensembles. Man hat also nicht überlegt, was noch sinnvoll ist und welche neuen Formen möglich wären. Ähnlich die Situation beim Südwestrundfunk. Das fusionieren zwei Sender mit insgesamt drei Orchestern, und die Orchester sagen, ihr könnt alle Abteilungen des Rundfunks zusammenlegen, aber die Orchester müssen als eigenständige Klangkörper erhalten bleiben, weil – so die Argumentation – man nicht einen Burgunder mit einem Bordeaux zusammenschütten könne.
Drittes Beispiel: Eine Studie zu den Theater in Ostdeutschland nach der Wende brachte das Ergebnis, dass man die Spielstätten verdoppelt hat. Man nutzte vielleicht leerstehende Immobilien, um sie mit Kultur bespielen. Das macht es wiederum schwierig, eine Debatte über das richtige Maß zu führen. Es gibt auch Gegenbeispiele. Das Land Brandenburg hat frühzeitig im Zuge des demographischen Wandels und der finanziellen Leistungskraft eine »Kulturpolitik auf Sicht« gemacht, in dem es das Landesengagement reduziert auf eine bestimmte Zahl von Institutionen. Was die Kommunen darüber hinaus fördern, ist ihre Sache. Es gibt durchaus gute Beispiele von Kommunen mit gelungenen Abwicklungen, aber grundsätzlich herrschte die Verteidigungshaltung, wo sich etwas verändern sollte, könne man nicht heran.
Es gibt einen interessanten Artikel aus »Theater heute« von 1993 von Michael Merschmeier, wo er Peter Stein zitiert, der sagte, man sollte doch überlegen, eine ganze Reihe von Bühnen zu schließen und nur die qualitätsvollen erhalten. Im Gegenzitat sagte Heiner Müller für die ehemalige DDR das gleiche. Es sei viel geschickter, man würde Busse zu den Theatern hinfahren und denen richtig viel Geld geben, damit sie etwas Vernünftiges anbieten, anstatt dass jede Provinzstadt ihr eigenes Theater unterhält. Auch damals hat das einen riesigen Aufschrei gegeben ähnlich wie jetzt bei uns, aber diese Forderung unter dem Prinzip »Klasse statt Masse« kam von den Künstlern selbst!
Im Handelsblatt steht heute (30.3.), wenn sie in Frankfurt a.M. wohnen, dann haben sie im Umkreis von 100 km 6 Opernhäuser: Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Gießen, Darmstadt und Heidelberg. Und davon machen 3 das gleiche Wagner-Programm in einer Spielzeit. Das ist doch Wahnsinn!
Hinzu kommt noch ein anderes Ungleichgewicht. Die großen Museen Deutschlands, aber auch Bibliotheken und Archive, haben so gut wie keine Ankaufsetats sowie keine konservatorische oder wissenschaftliche Betreuung ihrer Sammlungen mehr. Sie haben kein ausreichendes Personal mehr, um ausreichend Öffnungszeiten zu gewähren, wie man es im Grunde genommen von einer Bibliothek erwartet. Siegfried Ehrmann wird im Handelsblatt zitiert, dass er zwar stolz darauf ist, dass in Moers er zwar die Öffnungszeiten reduziert hat, die Bibliothek aber nicht schließen musste. Wir sagen, eine Bibliothek, die nicht mindestens 10 Stunden am Tag offen halten kann, ist keine – dann kann man sie auch schließen. Es gibt von Gerhard Polt einen wunderbaren Sketch, wo er ein Heimatmuseum beschreibt, das donnerstags von 12.30 Uhr bis 13.00 Uhr geöffnet hat und dort kann man einen alten Schuh betrachten. Dies wäre die Karikatur, aber dort genau ist der Punkt. Wir begnügen uns an allen Ecken und Enden damit, einen halblebendigen Zustand erträglich zu gestalten.
Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Volker Rodekamp, äußerte in ruhigen Zeiten – vor dem Erscheinen des Kulturinfarkts – Bedenken darüber, wenn die Gründungsrate bei Museen so weiterginge, wir 2050 einen Zustand erreichen, wo auf 2500 Einwohner ein Museum kommt. Er meinte, das sei nicht vertretbar. Kaum erschien unser Buch, hatte er diese Äußerung vergessen und sagte, der Bestand an Museen wäre nicht zu diskutieren. Ergo: das, was wir haben, können wir nicht mehr bezahlen, wir sehen keine zusätzlichen Mittel, also muss man ein robustes Denkmodell finden, wie man mit diesem Problem umgeht. Genau hier setzen wir mit unserem Denkmodell an: »Was wäre, wenn …«. Wir haben nicht gefordert, es müsse überall die Hälfte gestrichen werden.
Wir können andererseits ruhig ein wenig fordern. Bleiben wir also ruhig bei der Hälfte der Kultureinrichtungen. Damit wären wir bei einer Infrastruktur, wie wir sie etwa Anfang der 80er Jahre gehabt haben. War es damals wirklich so schlimm? Herrschte etwa ein kultureller Versorgungsnotstand? Gab es keine Bücher, kein Theater, keine Museen? Der Aufbruch war aus ganz anderen Gründen motiviert. Es ging um die Segmentierung der Gesellschaft in soziale Gruppen und intellektuelle Nischen voranzutreiben. Mit der Hälfte kehrten wir quasi wieder zur kulturellen Grundversorgung zurück.
Autorenteam: Das Wort Grundversorung klingt nun wirklich dermaßen nach AOK oder Stadtwerken. Kulturelle Grundversorgung muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
KMN: Auch die Zeitschrift »Das Orchester« titelte im März »Regionaltheater - kulturelle Nahversorger« – das klingt auch nicht schöner.
Autorenteam: Im Zuge dessen, dass öffentliches Geld weniger wird, werden die großen Einrichtungen einschließlich Stadttheater oder Universalmuseen von der Kulturpolitik getrimmt, so genannte Leuchttürme zu werden. Für die Leuchtturm-Metapher in der Kultur bekommt man viel Zustimmung. Wenn aber alle Leuchttürme sind, kann niemand mehr etwas sehen. Wenn alle strahlen, ist es für alle dunkel. Wenn alle Städte miteinander über die Kultur konkurrieren, um Profil zu gewinnen, steigen nur die öffentlichen Schulden.
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Rezension des Buchs:
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Kommentar von Prof. Birgit Mandel:
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html
Das Interview führte Dirk Heinze, Kulturmanagement Network
03.05.2012, Dirk Heinze
Der Kulturinfarkt – Interview mit den Autoren Teil 2
Mai 4th, 2012

Die Autoren des Buches "Der Kulkturinfarkt: Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Armin Klein (v. r. n. l.). © Albrecht Knaus Verlag Fotograf: Andreas Pavelic
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Wie ist es zu erklären, dass die Rezeption mehrheitlich so verkürzt ausfiel?
Autorenteam: Das liegt wohl an dem ungeheuer schlechten Trainingszustand derjenigen, die sich für Kulturpolitik hier vorgeben zu interessieren und die darüber nicht reden können. Das ist der eigentliche Skandal. Hermann Parzinger beispielsweise konnte in seinem Artikel in der Süddeutschen über das eigentliche Thema ja gar nicht reden. Der konnte nur losprügeln. Die Verbindung von Ordnungspolitik zu Kulturpolitik zu sehen, also Ordnungspolitik als übergeordnetes Prinzip von Kulturpolitik und anderen Politiksparten abzustufen, damit souverän oder gar intellektuell gekonnt umzugehen – das können die nicht. Es sind wenige, die das so einordnen können. Das führt letztlich zur Erkenntnis bei uns, dass zumindest in Deutschland eine kulturpolitische Debatte überhaupt nicht stattgefunden hat. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“ ist vollkommen folgenlos geblieben.
Apropos folgenlos: vor 5 Jahren erschien „Der exzellente Kulturbetrieb“. Das Buch erhielt gute Kritiken. Es gab drei Auflagen. Die Wirkung? Gleich 0. Die großen Interessenverbände sind zumindest nicht auf uns zugekommen. Die einzigen, die es diskutiert haben, waren die Freie Szene und die Soziokultur. Denen haben wir erwidert: Ihr braucht es nicht zu diskutieren, Ihr seid ganz anders aufgestellt, Ihr habt die Probleme nicht, weil Ihr 65% selbst erwirtschaften müsst. Ihr macht Marketing. Aber der Deutsche Bühnenverein, dessen Mitglieder durchschnittlich nur 18% selbst erwirtschaften, erwidert nur: Was brauchen wir Marketing?
Das Beispiel „Der exzellente Kulturbetrieb“ beweist: Das deutsche Feuilleton – Süddeutsche, FAZ, Die ZEIT – ist eben nicht trainiert, über Kulturpolitik zu schreiben. Die Süddeutsche ist die einzige, die diesen Begriff immerhin gelegentlich benutzt. Bei der Frankfurter Allgemeinen würde ich all denen Autoren, die ich kenne, jede kulturpolitische Kompetenz absprechen. Das können die nicht, und das haben wir jetzt auch beim Kulturinfarkt erfahren.
Das verdeutlicht nur die besondere Stellung des Feuilletons: es ist im Unterschied zu allen anderen Redaktionsbereichen Teil des Systems und nicht die Kontrollinstanz. Kein Wirtschaftsjournalist würde einem Unternehmenschef in den Hintern kriechen. In der Verkehrspolitik können sich Journalisten hart reiben am Stoff. Nur wenn es um Kultur geht, sind die Feuilletonisten selbst Bestandteil des Systems, fügen sich ein, haben keinen distanzierten Blick auf die Funktionsmechanismen. Das wussten wir zwar, aber dennoch ist es ein bitterer Teil der Erkenntnis.
KMN: Waren Sie wirklich überrascht, dass die Reaktionen derart schnell und derart rabiat ausfallen würden?
Autorenteam: Überrascht hat uns massiv, wie persönlich die ganze Diskussion geworden ist. Es gab Angriffe, wir wären Jakobiner (Michael Naumann), Kulturfunktionäre, schlechte Patrioten oder fette Maden im Speck (Intendant Nix aus Konstanz; der wollte wahrscheinlich aber nur über die Bezahlung von Theaterintendanten reden). Das ist letztlich aber ein Symptom und sagt viel über den Zustand dieses Systems. Es gibt aus der Systemtheorie die Erkenntnis, dass sich Systeme nicht selbst beobachten können, sondern man den Blick von außen benötigt. Dass die Verbände so zuschlagen, dafür haben wir volles Verständnis, weil es ihre Aufgabe ist. Wenn jedoch Organisationen wie der Deutsche Kulturrat oder die Deutsche Orchestervereinigung unterstellten, wir wollten Beraterverträge haben, mussten wir dies gerichtlich untersagen lassen, denn da geht es schlicht an unsere Existenz. Diese Unkultur hat uns an schlimme Zeiten erinnert…
KMN: Wieso wird vom Kulturbetrieb nicht die Chance ergriffen, über die ersten Ressentiments hinaus zu diskutieren?
Autorenteam: Das ist sicherlich komplex und daher schwer zu beantworten. Diejenigen, die sich quasi als „Betonfraktion“ in Stellung gebracht haben, sind von einer Generation, die ein besonders hohes Interesse an Besitzstandswahrung haben. Das Überlebensinteresse der großen Museen und Theater bildet sich mit dem größten Teil der 10 Milliarden öffentlicher Kulturfinanzierung ab. Das bekommen wir in einem ganz anderen Maße zu spüren, als wenn es um Verbände der Soziokultur, der Volkshochschulen oder der privaten Musikschulen geht. Martin Lätzel, der Direktor des Volkshochschulverbandes Schleswig-Holstein, hat sehr gescheit in 2 Blogs die Sache aufgegriffen und das abgeleitet, was wir alle wollen – den Mut zu einer gründlichen Debatte, vor der die Legislative nicht kneift.
Es ist natürlich so, dass der zweite Teil des Buchs überhaupt noch nicht rezipiert wurde, außer dass uns vorgeworfen wird, wir wollten die Kunst auf den Markt schmeißen und hätten verschrobene Ansätze über Kulturwirtschaft und Kulturindustrie. Es gibt in der Kulturpolitik weitaus weniger artikulationsstarke Instanzen, die gleichwohl Einfluss haben. Das sind jene Instanzen, die die Mittel vergeben. Aus dem Kreis dieser Auftraggeber kommt durchaus die Reaktion: „Haltet durch! Diese Diskussion ist absolut notwendig und überfällig! Ihr sagt genau das Richtige. Macht da weiter und knickt nicht ein!“ Insofern wird hier eine strategische Chance auf Veränderungen gesehen. Darüber hinaus sehen wir in politischen Parteien die Chance, kulturpolitische Diskussionen neu anzufangen. Bis jetzt haben sie sich freilich zurückgehalten. Es gab eine Zuschrift eines hohen Kulturbeamten, der wörtlich sagte: „Dies ist eine sehr gute Road Map.“
Sicherlich sind die Kulturbetriebe auch wundgescheuert durch die permanenten Spardiskussionen. Wir können uns ja einfach selbst fragen: was bedeutet es denn, wenn ver.di voraussichtlich 4,5 Prozent Lohnerhöhung durchsetzt (es wurden dann mehr als 6% über 2 Jahre verteilt, Anm. d.Red.) vor dem Hintergrund, dass die Kommunen schon Mühe haben, ihre sonstige Infrastruktur erhalten zu können und gleichzeitig eine Schuldenbremse einhalten sollen. Die Kulturbetriebe haben es seit 10-15 Jahren versäumt, die Chancen, die Kulturmanagement bietet, zu nutzen – angefangen von Kulturmarketing über Sponsoring bis zu neuen Organisationsformen -, sondern sie haben weitergemacht unter immer schlechteren Bedingungen. Das ist die eine Achse. Und die andere Achse ist das schon angesprochene, mangelndes Training darin, kulturpolitisch diskutieren zu können. So eine Diskussion würde man niemals in Amerika oder in den Niederlanden führen. Leider haben wir das nicht im Buch drin: Ein Holländer meinte einmal, Ihr Deutschen habt keine „Kultur des Aufhörens“. Ihr könnt immer nur etwas Neues gründen, und das hat dann Ewigkeitscharakter. Wir Holländer sagen, wenn eine Idee beispielsweise nach 10 Jahren ausgelaufen ist, dann findet es nicht mehr statt, und wir finden das nicht schlimm. Das zwingt uns vielmehr, innovativ zu werden. Bei uns in Deutschland kommt sofort der Vorwurf der Ökonomisierung, verbunden mit einem arroganten Blick nach Amerika, ohne zu kennen, wie es dort tatsächlich läuft.
Die Heftigkeit der Diskussion hat uns nicht so sehr überrascht. Die persönlichen Angriffe hätten wir wiederum nicht so erwartet. Doch was uns stolz macht, ist der Umstand, dass man mit einem Buch so eine Diskussion auslösen kann – mit einem Thema, das landläufig als Spezialistenthema angesehen wird. Wer interessiert sich denn schon für Kulturpolitik? Jetzt ist dieses Thema auf den Titelseiten, und die Leserseiten und Blogs füllen sich mit Reaktionen, ja, nein, retten wir oder retten wir nicht – das ist doch unglaublich!
KMN: Im Buch wird nicht deutlich, welche Passagen von welchem Autor stammen. Welche Schwierigkeiten gab es bei der gegenseitigen Abstimmung?
Autorenteam: Das Buch, so wie es vorliegt, ist unsere Gesamtmeinung. Jeder hat zwar seine individuelle Kompetenz eingebracht. Einzelne Kapitel jedoch einem einzelnen Autor zuzuweisen, birgt die Gefahr, dass wir auseinander dividiert werden. Die Angriffe auf einzelne Autoren sind insofern völlig unnötig. Die öffentliche Reaktion hat eher mehr zusammengeschweißt.
Teil 3 der Interviewserie erscheint am 3.5.2012
Rezension des Buchs
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2186/index.html
Kommentar von Prof. Birgit Mandel:
www.kulturmanagement.net/beitraege/prm/39/kind__0/v__d/ni__2190/index.html
Der Kulturinfarkt – Interview mit den Autoren Teil 1
April 26th, 2012

Die Autoren des Buches "Der Kulkturinfarkt: Dieter Haselbach, Pius Knüsel, Stephan Opitz und Armin Klein (v. r. n. l.). © Albrecht Knaus Verlag Fotograf: Andreas Pavelic
Das Buch »Der Kulturinfarkt« löste eine lautstarke Debatte über die Zukunft der Kulturförderung aus. Kulturmanagement Network traf die Autoren (Armin Klein, Stephan Opitz, Dieter Haselbach, Pius Knüsel) zum Exklusivinterview und veröffentlichen dies als Serie auf ihrem Portal. Die Serie umfasst vier Teile. Das Interview führte Dirk Heinze von Kulturmanagement Network. Wir danken Kulturmanagement Network für die Möglichkeit das Interview auch bei uns zu veröffentlichen.
KMN: Welcher Impuls war es, der Sie dazu geführt hat, das Buch zu schreiben?
Autorenteam: Das können wir ganz genau bestimmen: im November 2009 fand eine Tagung der Kulturpolitischen Gesellschaft unter dem Titel „Kultur trotz(t) Krise“ statt. Oliver Scheytt fragte Pius Knüsel, was er mit dem Blick von außen uns in Deutschland empfehlen könne. Und er sagte nur das eine Wort: „Aufräumen!“. Im Zuschauerraum saßen wir, schauten uns an und sagten: Das wird der Titel des Buches! Und es blieb lange Zeit tatsächlich der Arbeitstitel des Buchs. Bis zum 30. September 2011 war noch die Intention, daraus ein sachliches Buch zu machen, so wie es schon ganz viele gibt. Der Verleger prognostizierte jedoch eine Wirkung nahe Null. Stattdessen schlug er vor, eine schlagkräftige Metapher zu finden - dann würde es ein Erfolg werden. Nach kurzer Bedenkzeit trauten wir uns und fanden mit dem Infarkt auch die passende Metapher für unser Anliegen.
KMN: Wie sehen Sie sich und Ihre Thesen in den Medien wiedergegeben? Haben Sie das Gefühl, völlig falsch verstanden worden zu sein?
Autorenteam: Wir haben von einem gewollten strategischen Missverständnis gesprochen. Die erste Pressemitteilung des Deutschen Kulturrates begann zunächst mit zwei Lügen, nämlich erstens dass wir fordern würden, die Hälfte der Subventionen zu streichen und zweitens diese Gelder einsetzen wollten, um die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren. Das stellt unsere Intention völlig auf den Kopf, und dies mussten wir bedauerlicher Weise auch juristisch korrigieren lassen.
Wir haben insofern einen strategischen Fehler begangen, als wir gedacht haben, das ist so dumm, das plappert keiner nach, die Leute lesen den Spiegel oder besser gleich das Buch selbst. Das war ein Fehler, denn bis heute wird die Debatte auf diese zwei Aspekte verkürzt.
Jetzt wird vom Kulturrat sogar behauptet, wir wollten nicht nur die Hälfte der Subventionen kürzen, wir wollen gleich die Hälfte der Einrichtungen schließen. Stattdessen haben wir immer gesagt: „Was wäre wenn …? Wäre das die Apokalypse?“ Und die, die sich jetzt laut äußern, für die ist es anscheinend die Apokalypse. Für uns ist es das nicht.
Natürlich: Die Diskussion findet jetzt über ein Thema statt, nämlich über die Hälfte. Aber da sind doch noch andere Themen drin: rezeptionsästhetische, ordnungspolitische, Aspekte darüber, wie Kulturförderung anders organisiert werden könnte. Im Moment spielen diese Themen in der öffentlichen Diskussion zum Buch nur am Rande eine Rolle. Wir hoffen, dass nach diesem Aufschlag genau darüber die Diskussion geführt wird, weil das doch die interessanten Themen sind.
KMN: Sie wählten gezielt das Mittel der Provokation und Polemik. War das nötig?
Autorenteam: Es war notwendig, ein polemisches Buch zu schreiben. Das zeigt die Reaktion jetzt. Keiner von uns hat komplett neu argumentiert. Wir haben die Thesen, die wir zusammengetragen haben, auch schon vorher formuliert. Doch war die Wirkung bei weitem nicht so groß, wie sie jetzt eingetreten ist. Erst jetzt wird kulturpolitisch mit der notwendigen Intensität diskutiert. Das ändert nichts daran, dass in der ersten Welle der Rezeption etwa dreiviertel der Statements auf die Halbierung verkürzt wird. Bei diesen fast panischen Reaktionen kommt die zweite Hälfte des Buchs nicht mehr zur Sprache. Erst kürzlich wandten sich 50 Kulturschaffende um Wim Wenders gegen den Kulturinfarkt und redeten vom Kahlschlag. Das Schlimme ist, dass in den Hirnen derer eine ziemliche Kahlheit herrscht und das Visionäre, das wir der Kunst zubilligen – so wie im Politischen und in der Verwaltung auch – keinen Platz mehr hat. Die Leute sind offenkundig nicht mehr in der Lage, auf dem Papier eine Vision zu zeichnen. Insofern ist diese Art der Rezeption, diese Verbohrtheit, enttäuschend.
Wenn diese kulturpolitische Diskussion, die wir analysieren, so zubetoniert ist, muss es einen entsprechenden Aufschlag geben – dieser kann nur polemisch sein. Deswegen war es auch gut und sinnvoll, im Spiegel zu schreiben und mit einer Provokation anzufangen. Das können Sie auch an einer Reaktion seheh, die uns am meisten gefallen hat. Der Präsident des Deutschen Kulturrats, Max Fuchs, sagte schlicht „Das Buch ist nicht hilfreich“, wahrscheinlich unbewusst, aber wörtlich zitierte er Frau Merkel, die sich bei anderer Gelegenheit zur obersten staatlichen Buchrezensentin stilisiert hatte. Solches symbiotisches Denken zeigt, wie sehr Kulturverbände und Politik in Deutschland längst zu einem staatlich-kulturellen Komplex zusammengewachsen sind.
In der Schweiz sieht dies schon anders aus. Lettre widmet sich gerade ausführlich auf 6 Seiten dem Kulturinfarkt – da werden mehrere Themen und Aspekte unseres Buchs ausgebreitet.








